Bin ich im Unrecht?

Krümel • vor 2 Monaten

Ich weiß nicht mehr weiter, weiß nicht, was ich glauben soll und brauche dringend die Einschätzung von neutralen Personen…
Es geht um meinen Mann, mit dem ich 7 Jahre zusammen und 2 Jahre verheiratet bin. Schon schnell machte ich mir Gedanken wegen seinem Alkoholkonsum. Ich glaube nach 6 Monaten Beziehung habe ich das Problem erstmals angesprochen und seitdem immer wieder in quasi regelmäßigen Abständen.
Ich lernte meinen Mann bei der Arbeit kennen. Er kam oft mit einer Fahne und viel zu spät zur Arbeit. Dies änderte sich, als er bei mir eingezogen ist. Er hat nie aufgehört zu trinken, aber es reduziert.
Es folgten Jahre voller Höhen und Tiefen, viele Gespräche und leere Versprechungen. Teilweise versprach er mir zb einige Abende in der Woche nichts zu trinken, hielt sich aber nur max. einen Monat daran. Letztes Jahr im Januar lebte ich eine Woche bei meiner Mutter, da ich es nicht mehr ertragen habe, kam aber zurück, weil er sich ändern wollte – ich glaube es hielt 2 Wochen.
Wir haben einen 5 Monate alten Sohn… Ich hatte gehofft, dass sich etwas ändert, wenn der kleine da ist, aber dem ist nicht so. Momentan hat mein Mann Elternzeit und trinkt jeden Abend 8 Bier (0,5l) und man merkt ihm nichts an. In den letzten 3 Wochen hat er 4 mal zu viel getrunken, sodass er “voll“ (aber nicht gewalttätig) war. Arbeitet er, trinkt er jeden Abend etwa 3 Bier, mit Glück trinkt er an einem Abend nichts…
Er ist der Meinung, dass ich übertreibe und das er jederzeit aufhören könnte zu trinken.
Ich habe mich nun aus Verzweiflung an meine schwiegereltern gewendet, die mir sagten, dass sie sich auch schon Sorgen machen. Sie wollen nun am Wochenende zu Besuch kommen (leben weiter weg) und mit mir zusammen mit meinem Mann reden.
Seitdem diese Verabredung steht fühle ich mich furchtbar, wie ein Verräter und ich stelle plötzlich meine Wahrnehmung in Frage. Ist es vielleicht doch gar nicht so schlimm? Tue ich meinem Mann Unrecht? Oder habe ich einfach nur Angst vor der Reaktion und den eventuellen Konsequenzen (ihn verlassen, wenn er uneinsichtig ist)? Ich bin kurz davor, den Termin abzusagen…

3 Antworten
Mike Berater/in antwortete vor 2 Monaten

Liebe Krümel

vielen Dank für ihre Frage hier im Forum. Ich werde ihnen gerne meine Einschätzung zu ihrere Situation geben.
Wenn ich das richtig verstehe, so ist ein (übermässiger) Alkoholkonsum ja schon lange Teil seines Lebens. Seinen Konsum hat er mal besser (3 Bier unter der Woche) und mal schlechter (jeden Tag 8 Bier) im Griff. Typischerweise ist er der Meinung, dass nur sie ein Problem damit haben („Er ist der Meinung, dass ich übertreibe „) und er ja „jederzeit aufhören könnte zu trinken“.
Nur leider beweist er ja seit Jahren genau das Gegenteil und bis auf kurzfristige Verbesserungen hat sich gar nichts verändert. Bei all dem was schon passiert ist (Trennung, Geburt,…) frage ich mich, was er denn noch braucht um seine Behauptung („jederzeit aufhören“) auch umzusetzen. Aus dieser Perspektive mache ich ihnen Mut sich und ihrer Wahrnehmung zu vertrauen. Nicht sie irren sich hier, sondern er belügt sich und sein Umfeld seit Jahren!
Ich mache ihnen Mut dieses Treffen nicht abzusagen, sondern die Situation zu besprechen und mögliche Lösungsschritte zu planen. Was dabei herauskommt ist natürlich ungewiss und dass ihnen das Sorgen macht ist völlig normal und verständlich. Dieses Treffen abzusagen hiesse aber sich mit der Situation zufrieden zu geben und so weiter zu machen wie bisher – mit allen Hochs und Tiefs die noch kommen werden. Ja, dieses Treffen ist ein Risiko, aber es lohnt sich dieses einzugehen, denn sonst wird sich wohl kaum etwas ändern und sie werden weiterhin mit  leeren Versprechen abgespeist werden. Wenn er sich dazu entschliesst – was ich hoffe – konkret etwas verändern zu wollen, so mache ich ihnen Mut sich professionelle Unterstützung zu holen. So bekommt er den nötigen Support um seinen Konsum nachhaltig zu verändern und nicht nur wieder kurzfristig zu senken.

Noch ein paar Informationen zu seinem Konsum. Ein risikoarmer Konsum von Alkohol liegt für Männer bei maximal drei Standardgläsern (1 Standardglas = 3dl)! An mindestens zwei Tagen in der Woche sollte kein Alkohol konsumiert werden, um einer Suchtentstehung vorzubeugen und dem Körper Zeit zu geben, sich zu erholen. Sein Konsum ist schon weit weg von diesen Angaben und somit auch nicht mehr „normal“.

Ich hoffe, dass ihnen diese externe Einschätzung hilft und wünsche ihnen viel Kraft für das kommende Gespräch. Bei weiteren Fragen können sie sich jederzeit wieder an uns wenden.
Liebe Grüsse
Mike

Krümel antwortete vor 1 Monat

Hallo Mike, ich möchte mich für Ihre Antwort, Tipps und die Motivation bedanken. 
Das Gespräch fand tatsächlich statt. Mein Mann war sehr unbeeindruckt… am Sonntag bin ich mit unserem Sohn und meiner Mutter in den Urlaub gefahren. Wir haben seitdem nur noch telefoniert. Er gab Montag plötzlich an, am Mittwoch zum Arzt gehen zu wollen. Heute war es dann also soweit….. nachdem mein Mann mir in einem kurzen Gespräch sagte, dass der Arzt ihm sagte, er müsse halt seinen lebensstil ändern, wurde ich schon skeptisch. Das kann doch nicht alles gewesen sein?! 
Gerade telefonierten wir erneut und ich fragte nach – was wurde noch besprochen? Wollte er nicht drüber reden… wie heißt der Arzt? Hat er vergessen…. wo war der arzt? Keine Antwort….
 
Was soll man dazu sagen…. er schrieb mir gerade noch eine Nachricht “es wäre seine Sache, es ist ihm unangenehm drüber zu reden und er ist geknickt, weil ich ihm misstraue und so (böse) reagiert habe“ 
Ich habe ihn gestern noch gebeten ehrlich zu sein und mir zu sagen, wenn er noch nicht bereit ist zum Arzt zu gehen. Er soll einfach ehrlich sein und mir nicht weh tun. Er sagte, er wolle mir nicht weh tun und er will uns nicht verlieren… doch er treibt uns wissentlich dazu und verletzt mich immer wieder bewusst. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll… Ich mag nicht mehr, bin es so leid…. 
Seit dem Wochenende hängt meine Schwiegermutter mir in den Ohren “lass ihn nicht fallen, sonst geht er vor die Hunde“ wie es mir geht interessiert nicht. Auch sagte sie, ich  hätte sie einweihen sollen, bevor das kind in den Brunnen gefallen ist…. im Gespräch offenbarte sie aber, dass sie schon mit meinem mann Gespräche zu dem Thema führte, als wir noch nicht zusammen waren. Sie hätte also auch schon viel früher reagieren können. ich bin so enttäuscht, traurig und wütend…
Letztendlich bringt es aber nichts, die schuld von einem zum anderen zu schieben…
Ich musste einfach meinem Frust niederschreiben und bin froh,dass ich den Termin nicht abgesagt habe

Mike Berater/in antwortete vor 1 Monat

Hallo Krümel
 
schön wieder von ihnen zu hören. Das Gespräch scheint ja doch einiges bewegt zu haben, auch wenn ihr Mann zuerst „unbeeindruckt“ reagiert hat. Durch dieses Gespräch ist das Thema definitiv „ans Licht“ gekommen. Wenn ich das richtig verstehe, so gab es inhaltlich keinen Widerspruch, sondern lediglich das Vorgehen („so (böse) reagiert“, „hätte sie einweihen sollen, bevor das kind in den Brunnen gefallen ist“) wird kritisiert. Das finde ich schon noch speziell, d.h. „alle“ wussten es, haben aber bisher bewusst darüber geschwiegen, wohl in der (irrigen) Hoffnung, das Ganze werde sich schon „irgendwie von selber“ regeln.
 
Das heisst für mich, dass sich grundsätzlich alle einig sind, dass ihr Mann ein Alkoholproblem hat und eine Veränderung nötig und angezeigt wäre/ist. Nun kann er ja zeigen, ob er wirklich „jederzeit aufhören könnte zu trinken“. Die Geschichte mit dem Arztbesuch finde ich auch eher seltsam, ich weiss doch wann und wo ich einen Termin abgemacht habe … 
 
Ich denke es ist jetzt wichtig, dass sie klar definieren, was sie wollen und was ihnen wichtig ist (z.B., Ehrlichkeit, Offenheit,…) und auch wo ihre Grenzen sind. Die Reaktion der Schwiegermutter war da sicherlich nicht hilfreich, sondern zeigt für mich ihre Hilflosigkeit im Umgang mit dem Alkoholproblem ihres Sohnes. Es geht jetzt aber nicht darum, was sie sich vorstellt, sondern wie es mit seinem Konsum weitergeht. Letztlich gefährdet ja sein Verhalten die Beziehung (und nicht umgekehrt).
 
Liebe Grüsse und viel Kraft
Mike

Ihre Antwort


ICH HELFE MIT


KONTAKT


Blaues Kreuz Schweiz
Lindenrain 5
3012 Bern
031 300 58 60
info@blaueskreuz.ch





Vous vous trouvez sur le site de la Croix-Bleue Suisse
Si vous cherchez des informations plus détaillées sur nos offres en Suisse romande, nous vous prions de visiter les sites de la Croix-Bleue romande: