Ganz oder gar nicht?

Sandi fragte vor 1 Monat

Ich nütze die Gelegenheit, hier mein Problem zu schildern.

Vielleicht zuerst zu mir als Person. Ich, w, bin bald 37 Jahre alt, seit 13 Jahren glücklich in einer Beziehung. Dem ist tatsächlich so. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Wir lieben gutes Essen, Reisen, Fussball, Tennis und unternehmen viel zusammen. Seit vielen Jahren wohnen wir zusammen, haben zwei Katzen und einen liebenswerten, netten Freundeskreis. Wir werden uns eine Eigentumswohnung kaufen und lassen uns eintragen (wir sind ein Frauenpaar). Alles soweit perfekt. Es fehlt an nichts.

Aber da gibt es eben eine Seite an mir oder in mir, die es mir und zunehmend auch meiner Freundin hin und wieder sehr schwer macht. Angefangen hat es schon als Teenie. Damals ging ich nach der Schule resp. der Arbeit regelmässig mit Freunden in eine Beiz. Ein, zwei, drei Fürobebier war normal. Und auch mal alleine Zuhause vor dem Fernseher ein Bier trinken war kein Problem. Oder wenn ich eine Arbeit schreiben musste, „half“ mir das eine oder andere Glas Wein, um kreativer zu sein. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass ich das über die Jahre immer mehr institutionalisiert habe. Das Trinken ist wie ein fixer Bestandteil geworden. Es ist nicht nur eine Flasche Wein bei einem feinen Essen, sondern auch das Bier nach der Arbeit, weil der Tag „so anstrengend“ war oder das Bier beim Fussballspiel. Ich trinke nicht täglich, aber regelmässig und auch alleine, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ich merke auch, dass ich mir Gründe suche, um zu trinken. Ich merke auch, wie ich mich innerlich mich freue, wenn ich die Aussicht auf ein Glas Wein oder Bier habe.

Leider ist nun – ebenfalls über die Jahre – hinzugekommen, dass die Menge teilweise enorm zugenommen hat. Vor allem am Sonntagabend. Ich mag meinen Job, aber immer am Sonntag kehrt bei mir regelrecht der Blues ein. Das Wochenende ist vorbei und ich sehe das Ende kommen. Meine Freundin ist meistens nach dem Tatort müde und geht gegen 22:30 Uhr ins Bett. Zwischen 22:30 Uhr und 01:30 Uhr ist es für mich kein Problem, mir – um es beim Namen zu nennen – die Kante zu geben. Ich trinke dann einfach vor mich hin. Ohne Grund. Ich weiss es wirklich selber nicht. Aus Frust, aus Langeweile vielleicht. Und irgendwann merke ich, dass ich aufhören sollte, weil ich doch am anderen Tag zur Arbeit muss. Aber es geht nicht. Ich trinke weiter und weiter bis ich mich besoffen und halb im Koma ins Bett lege. Meine Freundin hat dieses „Ritual“ natürlich mittlerweile bemerkt (es sind ja plötzlich alle Biere leer getrunken – und das über Nacht!). Wir reden viel miteinander. Ich versuche mich zu erklären. Ich selber halte mich mittlerweile als alkoholkrank. Ich habe schon x-Mal versucht, dem Alkohol ganz abzuschwören. Ich habe schon versucht „vernünftig“ zu trinken, aber es wird nur noch schlimmer. Ich weiss, dasss ich komplett auf Alkohol verzichten muss, um dieses Problem zu bewältigen. Oder ich lebe damit und mache so weiter. Aber das will ich nicht. Ich hatte an diesem Montag so einen Kater, dass ich mich krank gemeldet habe. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte wirklich diesen Teufelskreis durchbrechen. Wie gesagt, ich spreche mit meiner Freundin und auch mit Freunden und Familie offen. Meine Freundin und meine Mutter bspw. sagen, dass sie problemlos ein Glas Wein trinken und dann stoppen können. Meine beste Freundin hatte selber Angst, dass sie nicht mehr ohne sein kann und hat 2 Wochen alkoholfrei gemacht und musste selber zugeben, dass es am Anfang nicht einfach war. Bei mir weiss ich, dass der Tag wieder kommen wird, wo ich extrem Lust habe auf ein Bier oder ein Glas Wein. Und dann geht es wieder von vorne los. Es steigert sich jedes Mal wieder ins Unermessliche.

Gibt es Menschen, die wirklich kontrolliert trinken können? Oder ist es besser komplett dem Alkohol abzuschwören? Ich wünsche mir keine Antwort wie „das muss jeder selber für sich entscheiden“. Ich möchte wirklich eine Einschätzung, wie gefährlich mein Suchtverhalten ist und was in meiner Situation am besten wäre.

Merci vöu mou

1 Antworten
Mike (Berater) Mitarbeiter antwortete vor 1 Monat

Hallo Sandi
 
vielen Dank für deinen ehrlichen und offenen Beitrag. Du hast eine ganz konkrete Frage gestellt und verdienst auch eine ganz konkrete Antwort: Ja, es gibt Menschen, die kontrolliert trinken können, aber es sind wenige. 
Nun möchte ich aber noch ein wenig weiter ausholen und meine Antwort begründen. So wie du dich und deine „Alkoholgeschichte“ beschreibst, ist das schon fast der „klassische Verlauf“. Es beginnt mit einem Konsum, der absolut in Ordnung ist, keine negativen Konsequenzen mit sich bringt und gut zu deinem Leben passt. Über die Zeit nimmt der Alkohol(konsum) dann immer mehr Platz in deinem Leben ein. So wie du es beschreibst, ist er heute ja ein „fixer Bestandteil“ deines Lebens geworden. Das Unbeschwerte und „Spielerische“ im Umgang mit Alkohol ist nicht mehr da, denn nun gehört er fest zu deinem Leben dazu. Die Frage ist nicht mehr „ob“ du konsumierst, sondern wann und wieviel. Auch negative Konsequenzen (Krankmeldung am MO) halten dich nicht (mehr) davon ab, weiter zu konsumieren.
 
Du beschreibst sehr anschaulich, wie der Alkohol immer mehr Raum in deinem Leben einnimmt und du schrittweise die Kontrolle verlierst. Deine Gedanken kreisen immer häufiger um den Alkohol und du organisirst deinen Tagesablauf so, dass er einfach dazu gehört. Gleichzeitig merkst du aber auch, dass es eigentlich nicht das ist, wie du dein Leben gestalten möchtest. Du steuerst quasi auf eine „Dreiecksbeziehung“ hin (Du-Alkohol-Partnerin), denn der Alkohol will immer „mehr“.
 
Dein Beitrag zeigt, dass du dir sehr viele Gedanken machst, wie das weitergehen soll und kannst dich auch gut einschätzen.  Ich mache dir Mut da wirklich egoistisch zu sein und zu schauen was dir gut tut. Passt der Alkohol zu den Zielen, welche du, welche ihr habt, oder steht er im Weg? Es ist egal, wenn alle anderen mit Alkohol umgehen können, wenn du es nicht mehr kannst, dann lohnt es sich etwas zu verändern!
 
Ich mache dir Mut, so wie deine Freundin mal 2 Wochen auf Alkohol zu verzichten und zu schauen wie sich das anfühlt. Dann kannst du weiterschauen und den nächsten Abschnitt in Angriff nehmen. Vielleicht ist die „Klarheit“ der Abstinenz – kein Alkohol – ja sogar einfacher und entspannter als das Aushandeln von Ort, Art und Menge des Konsums (= kontrolliertes Trinken)? Hol dir Unterstützung auf deinem Weg, seien dies Freunde oder Fachleute, denn die Kontrolle über dein Leben zurückzuholen ist (auch) harte Arbeit.
 
Liebe Grüsse
Mike

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