Hat er ein Problem oder nicht?

Anonym • vor 2 Jahren

Es geht um meinen Freund. Wir sind seit sechs Jahren zusammen, beide Mitte dreissig. Er sagt von sich selber, er sei schon immer Alkoholiker gewesen, lacht aber darüber. Zusammen haben wir auch viele Partys erlebt, was ich auch als normal empfinde, wenn man da mal über die Stränge schlägt!

Er trinkt aber schon immer seinen Wein. Wenn er in einem Restaurant auf mich wartet, wenn er Flughafen ist morgens um elf, Mittags im Urlaub bei 30 Grad im Schatten… und auch zu Hause. Er kennt erstens absolut kein Mass (eine angefangene Flasche muss man noch leeren) und ausserdem finde ich immer wieder Flaschen in der Wohnung, im Auto, im Keller, in seinem Büro versteckt. Er streitet aber immer alles ab, sagt, er trinke schon länger nicht mehr und sagt, ich übertreibe völlig. Ich habe in den letzten 1.5 Jahren immer wieder neue Flaschen gefunden. Spreche ich es an kommt es zum Streit und er schreit mich VOLLGAS an. Dann finde ich wieder Flaschen an einem der selben Orte wie vor einigen Wochen und er sagt, ich hätte die wohl das letzte mal übersehen! Ich kann nicht mehr! Hilfe habe er nicht nötig… meint er! Ich weiss nicht mehr was ich glauben soll.. sehe ich Gespenster? Bringt so eine Beziehung überhaupt noch etwas? Vor allem wohnen wir erst seit 8 Monaten in der neuen Wohnung, sooo lange können diese Flaschen ja noch nicht versteckt sein. Und ausserdem bin ich sehr gründlich im schnüffeln.. was soll ich blos tun?

Antje antwortete vor 2 Jahren

Hallo
Erst einmal: gut, dass Du Dich hier gemeldet hast! Das ist schon einmal ein erster wichtiger Schritt und eine erste Antwort auf Deine Frage: „was soll ich bloss tun?“ Es ist wichtig, dass Du verstehst, was passiert und dass Du für Dich Hilfe beanspruchst. Dass Dein Partner immer wieder abstreitet, dass er etwas getrunken hat, ist eine ziemlich typische Abwehrreaktion. Er tut dies wahrscheinlich deshalb, weil er im Moment noch nicht bereit ist, sein Problem ernst zu nehmen (immerhin benennen tut er es manchmal!) und daran etwas zu verändern. Dass er ein massives Alkoholproblem hat, daran besteht meiner Meinung nach, so wie Du es beschreibst, kein Zweifel. Da darfst Du Deinem Gefühl also schon trauen und siehst keine Gespenster! Das Schwierige ist nun, dass allein er etwas an seinem Verhalten verändern kann. Das wiederum löst bei Dir die Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht aus (auch Erschöpfung: „ich kann nicht mehr“). Du kannst ihn nicht daran hindern zu trinken. Es nützt weder, hinter ihm her zu schnüffeln, noch ihm Vorwürfe deswegen zu machen. Ich möchte Dir ein paar Tipps geben, was Du versuchen kannst zu machen:
– versuche in den Gesprächen, die ihr über das Thema führt, Deinem Partner zu sagen, was DICH dabei belastet, wie Du Dich dabei fühlst, was Dir Sorgen macht (satt zu sagen, was er tun soll).
– frage ihn, wie er die Situation sieht, lass einen Dialog entstehen, wo ihr beide eure Sichtweisen einbringen könnt, wo er sich nicht angegriffen fühlt und sich verteidigen, bzw. etwas abwehren muss.
– statt zu kontrollieren kannst Du klare Grenzen setzen. Damit kannst Du klar machen, wie weit Du bereit bist seinen Alkoholkonsum zu ertragen und wo es für Dich nicht mehr geht (z.B. nicht mit ihm in den Ausgang zu gehen, wenn er schon vorher etwas getrunken hat, oder nicht ins Auto zu steigen, wenn er schon getrunken hat und dann noch fahren will…)
– Versuche, deine eigene Lebensqualität und -freude nicht vom Alkoholkonsum Deines Partners bestimmen zu lassen. Achte auf Deine Bedürfnisse und Wünsche und trage ihnen Sorge. Tue Dir etwas Gutes und nimm Abstand wenn es Dir zu viel wird.
– Zu guter Letzt empfehle ich Dir, weitere Hilfe und Unterstützung in einer Beratungsstelle zu holen. Dort wirst du gut beraten und begleitet bei einem Prozess, der sicher länger gehen wird. Bleib nicht allein mit Deinen Sorgen und melde Dich auch gerne hier wieder.
Alles Gute,
Antje

immer noch ich.. antwortete vor 2 Jahren

Hallo Antje. Vielen Dank für Deine Inputs. Ich habe letzte Woche die Mutter von ihm kontaktiert und ihr meine Sorgen erklärt. Sie hat mir versprochen mit ihm zu reden, und hat es auch getan. Sie hat ihn aber nicht in die Schranken gewiesen sondern verständnisvoll gesagt, dass sie versteht, dass er momentan in einer schwierigen Lage ist (wegen geschäftlicher Probleme), dass es schnell gehen kann bis man in eine Sucht fällt, dass sie sich um ihn sorgt und er jederzeit zu ihr kommen kann.. Er hat mich natürlich gleich am Abend gefragt, ob ich mit seiner Mutter geredet habe. Ich gab es natürlich zu, ich will ja nicht lügen. Er hat nur ganz ruhig gesagt, dass ich mir zu viele Sorgen mache und er alles unter Kontrolle habe. Wenn ich das nur glauben könnte!

Dein Input, dass ihm klare Grenzen setzen kann, finde ich suuuper! Er trinkt nämlich auch drei Gläser wenn er noch fahren muss, ohne zu überlegen..! So kann ich ihn zumindest etwas bremsen. Mir selber kann ich fast nichts gutes tun, denn sobald ich etwas selber unternehmen will schüttet er sich zu Hause zu. Als ich das letzte mal weg war Abends und um Mitternacht nach Hause kam lag er im Bett, roch nach Alkohol und er sprach sogar mit mir. Nur weiss er nichts mehr davon… Deshalb meide ich es, aus zu gehen, damit ich ihn mehr unter Kontrolle habe. Ich würde gerne mit ihm in eine Beratungsstelle gehen, er lacht aber nur darüber. Die Flaschen, die ich aber letztes Wochenende gefunden habe sprechen eine andere Sprache..!!! Was kann mir eine Beratungsstelle bringen, wenn ich einen zu Hause habe, der das alles auf die leichte Schulter nimmt?

Rea (Beraterin) antwortete vor 2 Jahren

Guten Tag

Ich bin eine andere Beraterin, doch kann ich dir gerne eine Rückmeldung auf deine Frage geben.
Wie du sicherlich spüren kannst, hat sich beim darüber schreiben und den alltäglichen Gedanken und Sorgen, die Dir machst, schon etwas ins Rollen gebracht. Toll, Du hast den Mut gefunden um die Verantwortung an ihn stückweise zurückzugeben, in dem du das Gespräch gesucht hast und Grenzen setzen kannst!
Es ist wichtig, wie Antje dir geschrieben hat, Deine Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen und Zufriedenheit für dich zu finden. Versuch dir bewusst zu werden, dass Dein Freund nicht wegen Dir trinkt, sondern weil er ein Alkoholproblem hat.
Zu deiner Frage: „Was kann mir eine Beratungsstelle bringen, wenn ich einen zu Hause habe, der das alles auf die leichte Schulter nimmt?“
Es ist total verständlich, dass es an Deinen Kräften zerrt und Dir auswegslos erscheint, wenn er alles auf die leichte Schulter nimmt. Ich möchte dich daher ermutigen Dir bei diesem Prozess Unterstützung zu holen. Denn Dein Wohbefinden kann das Verhalten deines Freundes beeinflussen!
Ich wünsche Dir viel Kraft und zögere nicht, Dich zu melden.

Liebe Grüsse
Rea

Antje antwortete vor 2 Jahren

Hallo

ich möchte mich Rea noch anschliessen und Dir unbedingt Mut machen, Dich an eine Beratungsstelle zu wenden, auch wenn Dein Partner nicht mitkommen möchte. Ich erlebe immer wieder, wie Angehörige in der Beratung für sich profitieren, wie sie sicherer werden im Umgang mit dem Problem, wie sie lernen auf sich und ihre Bedürfnisse zu achten. Und dann auch, so wie es Rea beschreibt, dies eine Wirkung auf den Betroffenen hat. Plötzlich kommen diese dann doch einmal mit zu einem Gespräch. Auch wenn Dein Partner das auf die leichte Schulter zu nehmen scheint, so ist es doch wichtig, dass Du Dich ernst nimmst, wenn Du darunter leidest und dass Du etwas für Dich machst.
Noch etwas: Du kannst ihn nicht die ganze Zeit kontrollieren und das ist auch nicht gut. Denn dann übernimmst Du die Verantwortung für seinen Konsum und fühlst Dich schuldig, wenn er wieder zu viel getrunken hat („dann hab ICH ihn wohl zu wenig kontrolliert, zu wenig auf ihn aufgepasst oder auf ihn geachtet“!!!). Die Verantwortung für sein Trinkverhalten hat er aber ganz allein.

Alles Gute,
Antje

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