Kind eines Alkoholikers

Lana asked 2 Wochen ago

Hallo, ich bin die mittlerweile erwachsene Tochter eines Alkoholikers… mir war die Krankheit meines Vaters eigentlich nie wirklich bewusst, obwohl sie (für mich) immer schon da war.
Als meine Mutter plötzlich zu einem Pflegefall wurde (da war ich gerade mal 18 Jahre alt), bekamen wir (meine Geschwister und ich) aber dann doch mehr davon zu spüren – wobei ich immer der Puffer war zwischen meinen Geschwistern sowie meiner Mutter und meinem Vater. Immer wieder wurde ich spät abends oder sogar nachts angerufen (mit 19 entschied ich mich, von zu Hause auszuziehen), weil mein Vater wieder einmal im betrunkenen Zustand „keine Ruhe gegeben hat“. Natürlich eilte ich meiner Schwester und kranken Mutter zur Hilfe – mir war damals gar nicht wirklich bewusst, wie sehr mich das schon belastete….ich habe einfach funktioniert zu der Zeit und alle beschützt.
Irgendwann traf meine Mutter trotz ihrer Krankheit die Entscheidung, mit meiner jüngeren Schwester auszuziehen, um dem allen zu entgehen (mein Bruder wurde schon einige Zeit davor von meinem Vater rausgeworfen, da dieser ihn mal aus Versehen aus dem Haus ausgesperrt hatte). Die Folge waren viele Wege zu Ämtern und auch zum Gericht… immerhin war meine kranke, arbeitsunfähige Mutter mit ihrer minderjährigen Tochter auf Unterhaltszahlungen angewiesen. Der Kontakt zu meinem Vater brach dann ab, obwohl ich gerichtlich mehr oder weniger dazu verpflichtet war, mich um die „Entrümpelung“ seines Hauses zu kümmern (bei drei Kindern sammelt sich ja jede Menge kram an…). Ich bekam regelmäßig eine Nachricht, dass ich wieder etwas abholen soll – das stand dann vor dem Zaun in einer Schubkarre – teilweise einfach nur Müll. Ich wurde weder einen Blickes noch eines Wortes gewürdigt. Irgendwann war das dann auch zu Ende.
10 Jahre wollte mein Vater nichts von mir wissen – ich selbst hatte viele Höhen und Tiefen, habe mir aber mein eigenes Leben gebaut. Dann kam es wieder dazu, dass mein Vater Kontakt aufnehmen wollte – zuerst mit meinem Bruder, dann auch mit uns Mädchen. Den intensivsten Kontakt habe ich zu ihm, da ich fix einmal die Woche einen Vormittag bei ihm verbringe, um sein Haus zu putzen… und bei Bedarf helfe ich auch zwischendurch. Meine Schwester hält den Kontakt eher sehr gering, mein Bruder dann, wenn er etwas vom Vater braucht. Das kränkt meinen Vater natürlich – und das bekomme dann wieder ich zu spüren.
Mein Vater ist immer da, wenn ich Hilfe oder Rat brauche – allerdings schießt er über das Ziel hinaus. Aber das ist ein anderes Kapitel. Das eigentliche Problem ist, dass er mich regelmäßig, manchmal jeden Tag, oder auch etwas weniger abends anruft. Mittlerweile weiß ich, dass ich nach 18 Uhr nicht mehr abheben sollte, da er da schon betrunken ist. Jedoch habe ich immer Angst, dass etwas passiert ist oder er meine Hilfe braucht – er ist zusätzlich zu seinem Alkoholismus noch Diabetiker… es ist klar, dass das oft fatale Auswirkungen hat. Oft habe ich schon erlebt, wie Rettungskräfte kommen mussten, da sein Blutzucker in den Keller rasselte… gerade noch rechtzeitig. Ich lebe also bewusst und auch unbewusst, in ständiger Angst.
Seine Anrufe rauben mir viel Kraft. Immer wieder erzählt er mir all seine negativen Gedanken und Gefühle – es zieht mich schon runter. Immer redet er vom Sterben – dass er nichts wert sei und sich selbst erschießt. Immer wieder werde ich in Dinge hineingezogen, die eigentlich zwischen ihm und meinen Geschwistern sind. Es belastet mich immens.
Ich kann nicht mit ihm darüber reden… auch mit meinen Geschwistern nicht. Ich hege seit einiger Zeit einen Kinderwunsch – der bei mir nun doch sehr spät kam (ich bin 35) – viel zu lange habe ich einfach auf mich vergessen, viele Jahre damit verbracht, für andere da zu sein. Tja, und nun dieser Kinderwunsch, der einfach nicht in Erfüllung geht. Ich befürchte, dass die Überforderung mit meiner Situation ein Grund dafür sein kann.
Ich kann mich nicht distanzieren. Und hier sind wir auch beim Punkt angelangt… das ist die eigentliche Frage… ich möchte mich distanzieren, nicht von ihm… ich möchte das alles nicht mehr so an mich ranlassen – aber wie?

Lana antwortete vor 2 Wochen

Der Vollständigkeit halber sollte ich seine demenzkranke Lebensgefährtin erwähnen… er möchte, dass ich mich um sie kümmere, falls ihm etwas zustößt, sprich dass sie bei mir wohnt. Ich habe bereits eine Mutter, die ich pflege – wie stellt er sich das vor?
Und immer wieder die Anspielung darauf, dass ich bei ihm einziehen soll, weil er Hilfe braucht. Es ist so schwer zu sagen, dass ich das nicht kann. Ich will ihn nicht enttäuschen. Aber natürlich muss ich das. Ich kann nicht so leben. Ich kann nicht mit einem alkoholkranken Vater und seiner demenzkranken Lebensgefährtin unter einem Dach leben – meinen Lebensgefährten nicht zu vergessen. Und ich kann nicht wie damals nach dem 2.Weltkrieg leben – was er tut, da er da aufgewachsen ist. Ich kann nicht.

2 Answers
Mike Mitarbeiter answered 2 Wochen ago

Hallo Lana
vielen Dank für ihren offenen Beitrag. Beim Lesen ihrer Geschichte ist mir spontan der altbekannte Spruch „Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“ in den Sinn gekommen. Ich weiss, dass das was ich jetzt sagen werde in der Theorie einfach, in der Praxis aber sehr schwer ist.
Sie müssen und dürfen (!) entscheiden, wie sie ihr eigenes Leben leben wollen. Nein zu sagen – gerade und er Familie und bei Abhängigkeiten und Krankheiten – ist immer schwierig, ist aber auch notwendig. Wie wäre es zum Beispiel. wenn sich ihr Vater mal um seine Abhängigkeit kümmern würde, anstatt sie „immer und überall“ herzurufen? Wie wäre es, wenn er Veränderungen anstreben würde, anstatt sie immer rufen würde, damit er ja nichts ändern muss? Sicherlich hat er auch gute Seiten, aber solange er abhängig ist, wird es immer sehr schwierig sein.
Wie gesagt, es ist hart „Nein“ zu sagen, aber gerade bei ihrer Geschichte finde ich es umso wichtiger, dass sie in erster Linie zu sich und ihrem Lebenspartner schauen. Ja, das klingt egoistisch – und ist es in einem gewissen Masse auch – ABER was ist denn die Alternative? Geben sie Zeit und Hilfe dort wo sie es gerne und freiwillig geben und sagen sie konsequent Nein, wo es sie nur aussagt und sie ausgenutzt werden. Ich denke es ist wichtig, dass sie lernen sich abzugrenzen und so nicht immer „zwischen die Fronten“ geraten.
Wie gesagt, das ist leichter gesagt als getan, aber vielleicht ist das hier ja der erste Schritt sich selber Unterstützung zu holen und einen „gesunden Egoismus“ zu entwickeln. Immer nur geben, immer erreichbar sein, immer alle Probleme lösen wollen/müssen … das kann und wird auf lange Sicht nicht gut gehen und dann können sie gar niemandem mehr helfen.  Ich mache ihnen Mut sich z.B. bei einer Fachstelle für Suchtprobleme zu melden, denn dort werden sie auch als Angehörige unterstützt und können all ihre Fragen, Zweifel und „Abers“ besprechen. 
Ich wünsche ihnen viel Kraft und Mut öfters „Nein“ zu sagen und gut zu sich zu schauen.
Liebe Grüsse
Mike

N.R. antwortete vor 2 Wochen

Danke für deine Offenheit Lena,
bin in der gleichen Lage und habe mich gegen die Sucht meiner Mutter mit erst 32 Jahre entschieden, also beginne auch damit. Ich habe diese Schritt mit Hilfe des Blauen Kreuz gewagt, ganz bewusst weil ich diese Belastung wirklich satt war. Auch weil ich Mama geworden bin und mit schweren Start des Schicksals kämpfen und überwältigen musste.
Du gibst mir die Bestätigung das richtige gemacht zu haben, danke.
Seit 1,5 Jahren habe ich keinen Kontakt oder ( weniger als wenig) mit meiner Mutter Kontakt und ich bin Ruhiger geworden und liebe es mein eigenes leben zu leben. Endlich.

Viel Kraft und es wird ungewohnt aber besser sein , sich selbst zu sein!

schöne Grüsse
N.R.

N.R. antwortete vor 2 Wochen

Danke für deine Offenheit Lena,
bin in der gleichen Lage und habe mich gegen die Sucht meiner Mutter mit erst 32 Jahre entschieden, also beginne auch damit. Ich habe diese Schritt mit Hilfe des Blauen Kreuz gewagt, ganz bewusst weil ich diese Belastung wirklich satt war. Auch weil ich Mama geworden bin und mit schweren Start des Schicksals kämpfen und überwältigen musste.
Du gibst mir die Bestätigung das richtige gemacht zu haben, danke.
Seit 1,5 Jahren habe ich keinen Kontakt oder ( weniger als wenig) mit meiner Mutter Kontakt und ich bin Ruhiger geworden und liebe es mein eigenes leben zu leben. Endlich.

Viel Kraft und es wird ungewohnt aber besser sein , sich selbst zu sein!

schöne Grüsse
N.R.

Lana answered 2 Wochen ago

Lieber Mike, vielen Dank für Ihre Worte. In der Theorie ist es einfach – ja – und mir auch vollkommen klar. Ich arbeite daran. Der erste Schritt in diese Wichtung ist für mich, nicht immer ans Handy zu gehen, wenn mein Vater anruft.   Liebe Grüße, Lana

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