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Niobe asked 7 Monaten ago

Mein Freund und ich sind seit fast 2 Jahren zusammen und unser zusammen sein wird immer schwieriger. Es ist nicht schön, leicht und harmonisch, sondern durchzogen von Verletzungen, Aggressionen, Argwohn und Misstrauen. Ich hatte relativ früh das Gefühl, dass er gerne trinkt. Er arbeitet von zuhause aus und während unseres kennenlernens gab es des öfteren Telefonate, spät nachts, bei denen ich da Gefühl hatte er trinkt während des langen Gesprächs. In meiner ersten Verliebtheit habe ich das Beiseite geschoben. Da mir Alkoholismus nicht fremd ist, beobachte ich sehr genau den Konsum bei persönlichen Kontakten und bei Verabredungen ist mir dieses auch aufgefallen und dennoch habe ich es verdrängt. Nun ist es so, dass der Alltag mit meinem Freund so aus sieht, das er täglich mindestens einen 6er Träger Bier trinkt plus ab und an eine Flasche Rotwein oder einige Schnäpse. In letzter Zeit häuft sich der Konsum von Schnäpsen oder ich finde auch mal eine Flasche Whiskey oder Jägermeister. Ich denke sein Konsum tendiert langsam vom Bier und Wein  zu anderen Spirituosen. Eine Ursache unter anderem ist eine Angststörung, die ihn sehr einschränkt. Er bewegt sich nur im unmittelbaren Umkreis seiner Wohnung, 2 Einkaufsläden und fährt eventuell mit seinem Auto zur nächstliegenden Tankstelle. Ganz Co-Abhängig fahre ich alle anderen Wege.  Nach der ersten Verliebtheit, in der ich jede Minute bei ihm sein wollte ist es nunmehr so, dass ich mit meinem 4 jährigen Sohn unter der Woche in meiner Wohnung bin und wir am Wochenende zu meinem Freund fahren. Um meinen Sohn kümmert er sich rührend. Meine Nähe, kann er meinem Gefühl nach manchmal kaum ertragen. Körperliche Nähe findet kaum bis gar nicht statt. Ohne Alkohol wohl 4-6 Mal in der ganzen Zeit.Sonst immer unter Alkoholeinfluss und insgesamt sehr selten. Er bewgt sich Internet, in sozialen Netzwerken und am Telefon. Darüber steht er mit der Welt in Kontakt. Ich arbeite, habe meinen kleinen Sohn und einen ganznormalen Alltag, ich bin beruflich sehr eingespannt und habe meinen Sohn sehr spät bekommen, mit 42. Mittlerweile bin ich 45 und ich empfinde meinen Alltag als eher anstrengend.  Das was mich ebenso sehr anstrengt, ist die Unberechenbarkeit der Partnerschaft. Während ich mir utopisch einen Partner wünsche, der mich mal in den Arm nimmt und mit dem es sich leicht anfühlt, erlebe ich ein ablehnendes, kritisierendes Gegenüber, das sich von mir permanent angegriffen fühlt, mich im Gegenzug eher kritisiert, als etwas positives in das Miteinander zu bringen. Er tut sehr viel für uns, kauft einen Autokindersitz, fährt mit uns 3 Tage in den Harz,etc. und registriert bei all diesen gemeinsamen Unternehmungen nur Situationen, in denen ich nicht ausgeglichen bin und nicht die Situationen in denen alles entspannt ist. Ich kann nicht loslassen und sollte es vielleicht. Helfen kann ich ihm nicht, die Illusion habe ich nicht, aber was ich nun tun kann ausser mich zu trennen, weiss ich nicht. Und trennen möchte ich mich nicht. Nur halte ich dieses ablehnende, aggressive Verhalten mir gegenüber auch nicht aus. Ansprechen darauf, dass ich denke er ist Alkoholiker kann ich nicht. Sobald ich nur äussere, dass Alkohol nicht die Lösung für seine Ängste ist weicht er aus oder wird aggressiv. Was kann ich tun? Mir tut es weh und ich weiss nicht wie ich vorgehen kann, zumal ich meinen kleinen Sohn in diesem Geflecht habe.

Mike Mitarbeiter antwortete vor 7 Monaten

Hallo Niobe

vielen Dank für ihren Beitrag. So wie sie ihren Partner beschreiben, hat er eine massive Angststörung, welche er wohl mehr oder minder „erfolgreich“ mit Alkohol „behandelt“. Diese „Selbstmedikation“ mit Alkohol ist recht häufig und birgt natürlich das grosse Risiko dadurch zusätzlich noch eine Abhängigkeitserkrankung zu entwickeln. So wie sie die Situation beschrieben, ist das bei ihrem Partner wohl aktuell gerade der Fall. Dass sich der Konsum dabei verändert (von Bier zu „hartem Alkohol“) ist ein klassisches Zeichen, dass er immer mehr Alkohol braucht um trotz seiner Angststörung noch einigermassen funktionieren zu können.

Das führt dann auch dazu, dass jegliches Infrage stellen seines „Medikamentes“ (=Alkohol) natürlich Widerstand, Aggression und Abwehr auslöst.
Was können sie nun tun? Aus meiner Erfahrung ist es wichtig, sich der aktuellen Situation klar bewusst zu sein – so wie sie es in dem Beitrag auch machen. Sie haben einen schwer kranken Partner, der wohl aber (noch) nicht bereit ist seine Krankheiten richtig behandeln zu lassen. Die Situation so wie sie jetzt ist, wird wohl kaum verbessern, sondern tendenziell immer mehr verschlimmern. Sie müssen nun entscheiden, ob eine Partnerschaft unter diesen Vorzeichen eine Zukunft hat.
Damit habe ich nichts darüber gesagt, was für ein Mensch er ist, welche Stärken und guten Seiten er hat, was er alles für sie tut. Aber unabhängig davon, was für ein toller Mensch er ist, ist er auch ein sehr kranker Mensch und das beeinflusst eine Partnerschaft immer massiv.

Ich finde ihre grundlegende Vorstellung von einer Partnerschaft übrigens normal und keinesfalls „utopisch“. Utopisch ist höchstens, dass sie das von ihm in der aktuellen Situation erhoffen, denn das kann er ihnen momentan sicherlich nicht bieten. Es geht ja nicht um einen „Mr. Perfect“, aber ein Mensch mit zwei psychischen Störungen, versucht von Tag zu Tag zu (über)leben und kann ihnen nicht wirklich ein Partner sein.

Ob sie diese Beziehung so weiterführen wollen, das müssen sie entscheiden, sie müssen sich aus meiner Sicht einfach bewusst sein, auf was sie sich einlassen, was sie bekommen können und was an Partnerschaft überhaupt möglich ist. Für mich kommt hier auch noch die Frage dazu, ob diese schwierige und angespannte Situation – direkt im Zusammensein oder indirekt durch die Belastung – für ihren Sohn hilfreich und sinnvoll ist? Tut diese Situation ihnen gut, tut sie ihrem Kind gut? Aus dieser Sicht mache ich ihnen Mut, gut zu sich und ihrem Sohn zu schauen und das als erste Priorität zu wählen.

Liebe Grüsse
Mike

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