Meine Schwester Trink

Marco fragte vor 4 Wochen

Meine Schwester, 53 Jahre, hatte im Jahr 1999 einen schweren Verlust zu verkraften, als ihr Mann sich und die beiden Kinder umgebracht hatte. Am Anfang hat sie Hilfe in Anspruch genommen doch dann einfach abgebrochen. Seither ist sie immer mehr im Alkohol verfallen. Nun ist es so weit, dass man die Person gar nicht mehr erkennt und nur noch die Alkoholikerin sieht. Verwahrlost und sehr unangenehm riechend, wie seit Tagen oder Wochen nicht mehr geduscht. In die Wohnung lässt sie niemanden und auch wurde bereits die Autonummer von der Polizei beschlagnahmt, da sie die Rechnungen nicht mehr bezahlt. Eine Arbeit hat sie nicht mehr und das RAV hat ihr auch schon die Leistungen gekürzt, da sie die nötigen Bewerbungen nicht zusammen bringt. Wenn man sie trifft kriegt sie keinen Satz richtig zusammen und wenn man sie auf ihr Problem offen anspricht, streitet sie es energisch ab und es bricht wieder ein Streit vom Zaun oder sie verschwindet. Oft hören wir Tage oder Wochen nichts von ihr. Keiner weiss ob sie irgendwo liegt oder was mit ihr ist. Handy und Festnetz beantwortet sie nicht. Einen Besuch beim Arzt mit der bitte um Hilfe oder einem Entzug weigert sie sich. Für die ganze Familie inklusive unserer 94 jährigen Grossmutter wird die Situation immer mehr zur Belastung. Auch weil jetzt wieder die Feiertage vor der Tür stehen, und keiner Lust hat mit der ganzen Familie zu feiern wegen ihr. Auch ich gehe dem wieder aus dem Weg in dem ich bewusst über die Weihnachtsstage verreise. Unsere Mutter und meine jüngere Schwester haben auch in diesem Jahr nicht schon wieder Lust sie lallend und ausfallend am Tisch zu haben und überlegen sich wie man dem ganzen aus dem Weg gehen kann. Ich bin ratlos, da ich nicht weiss, was ich noch alles unternehmen kann, um hier eine Lösung zu finden wenn sie partout nicht will, und die Lebensqualität, nicht nur ihre eigene sondern die der ganzen Familie, zu verbessern.

3 Antworten
Antje Mohn Mitarbeiter antwortete vor 4 Wochen

Hallo Marco
Erst einmal Danke für das von Ihnen entgegengebrachte Vertrauen und Ihre Offenheit. Es tut mir sehr leid, was Ihrer Schwester passiert ist. Das ist eine sehr tragische und traurige Geschichte. Ihre Schwester hat erst noch versucht damit fertig zu werden. Die Auseinandersetzung mit diesem schrecklichen Ereignis war dann wahrscheinlich zu viel für sie und sie war damit überfordert. Vermutlich hat es zu sehr geschmerzt, die grosse Trauer zuzulassen. Stattdessen hat sie begonnen, ihren Schmerz mit Alkohol zu betäuben. Das ist sogar noch nachvollziehbar und hat ihr vielleicht zunächst geholfen, das alles auszuhalten. Allerdings ist sie mit dieser „Bewältigungsstrategie“ nach und nach total in die Sucht abgerutscht und verliert nun die Kontrolle über ihr Leben. Für die Angehörigen ist das sehr schwer, mit anzusehen. Ich habe mir überlegt, ob es eine Möglichkeit gäbe, in diesem Fall eine Meldung an die KESB (Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde) zu machen. Diese Behörde stellt den Schutz von Personen sicher, die nicht (oder nicht mehr) in der Lage sind, die für sich notwendige Unterstützung einzuholen, z.B. weil sie suchtkrank geworden sind. Erfährt die KESB von einer Gefährdungssituation, klärt sie ab, wie geholfen werden kann. Notfalls setzt sie einen Beistand ein. Dieser hat dann den Auftrag, die Person in administrativen und finanziellen Angelegenheiten zu vertreten. In besonderen Fällen kann die KESB auch eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik anordnen. Dies könnte letztendlich für Ihre Schwester eine Chance sein, in einem geschützten Rahmen eine Therapie zu machen, nicht nur einen Entzug, sondern z.B. auch eine Traumatherapie.
Sie können es sich ja einmal überlegen und vielleicht auch mit jemandem durchsprechen, ob so ein Schritt für Sie denkbar wäre. Sie könnten auch bei der KESB anrufen und zunächst anonym den Fall schildern und dann erst einmal hören, was diese machen würde. Danach könnten Sie immer noch entscheiden, ob Sie Ihre Schwester melden möchten.
Sie als Bruder und die weiteren Angehörigen, die von diesem Leid mitbetroffen sind, haben bisher viel versucht, um ihr zu helfen. Aber solange ihre Schwester diese Hilfe nicht selbst möchte, wird sich nichts ändern. In diesem Fall dürfen Sie sie mehr loslassen. Das heisst konkret, Sie dürfen ihre eigenen Lebenspläne verfolgen (z.B über Weihnachten verreisen) oder sich miteinander treffen, ohne sie einzuladen. Lassen Sie nicht zu, dass die Sucht auch Ihre Lebensqualität beeinträchtigt. Entlasten Sie sich, indem Sie sich abgrenzen. Auch Ihre Mutter, ihre jüngere Schwester und ihre Grossmutter können und sollen die Verantwortung nicht übernehmen.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie noch mehr Unterstützung und Beratung brauchen, dann bekommen Sie diese in einem oder mehreren Gesprächen in einer Beratungsstelle, z.B. vom Blauen Kreuz. Dort erhalten sie auch Impulse für das weitere Vorgehen. Gerne dürfen Sie sich auch hier wieder melden, wenn Sie weitere Fragen haben.
Von Herzen alles Gute für Sie und Ihre Familie.
Antje

Marco antwortete vor 4 Wochen

Liebe Antja
Herzlichen Dank für Ihre Antwort. Als erstes hilft mir schon mal Ihre Aussage, dass es richtig ist, dass wir unser Leben weiter führen dürfen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Der Hinweis mit dem KESB ist mir von selbst nicht gekommen und verfolge ich sehr gerne.
Nochmals herzlichen Dank! Sie haben mir und meiner Familie wieder etwas Licht gegeben.
Marco

Antje Mohn Mitarbeiter antwortete vor 4 Wochen

Hallo Marco
Danke für Ihre Rückmeldung. Es freut mich, wenn ich Ihnen ein bisschen weiter helfen konnte. Sie haben es gut auf den Punkt gebracht. Genau darum geht es, dass Sie und andere Nahestehende Abstand nehmen dürfen, den eigenen Bedürfnissen Rechnung  tragen und sich Gutes tun dürfen (ohne deswegen Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen haben zu müssen!!!)
Weiterhin alles Gute!
Antje

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