Partner trinkt regelmässig: wann ist zu viel zu viel?

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Alice • vor 8 Monaten

Guten Tag.
Zuerst zu mir und meiner Situation: Ich bin 32, mein Freund ist 39, wir sind seit 3 Jahren zusammen, leben seit einem halben Jahr zusammen und haben eine drei Monate alte Tochter. Er ist ein toller Vater und ein guter Partner (er gibt mir Sicherheit, er ist ein Ruhepol, er unterstützt mich mit der Kleinen und im Haushalt und bei der Entscheidung, dass ich ab September wieder 60% arbeiten will, er ist treu und zärtlich und gibt mir auch mal Kontra, damit es nicht langweilig wird, und ich bin immer noch verliebt.

Ich wusste schon immer, dass er gerne trinkt. Rotwein und Bier vor allen. Für mich war er immer ein regelmässiger Genusstrinker/Gewohnheitstrinker. Betrunken habe ich ihn erst nach 2,5 Jahren zum ersten Mal gesehen, als wir letzte Weihnachten seinen Bruder besuchten (der noch viel mehr trinkt). Wenn er angetrunken ist (oder betrunken), wird er nicht gross anders (er ist immer noch ruhig und lieb, er wird nie aggressiv. Er nuschelt und schläft auf dem Sofa ein und ich bekomme ihn dann kaum mehr wach).

Erst seit wir seit Februar zusammen leben, merke ich erst, wie viel er wirklich trinkt (vorher haben wir das Wochenende zusammen verbracht und uns unter der Woche zweimal gesehen). An guten Abenden sind es zwei bis drei Bier (manchmal auch eines davon Alkoholfrei). An einem „schlechten“ Wochenende sind es gerne auch mal ein Weinkarton von 3 Litern (am Samstagvormittag gekauft, am Sonntagabend leer) und noch das ein oder andere Bier. Vor der Geburt habe ich öfters mit ihm darüber geredet, erst nur im Scherz, dass ich wolle, dass er mich selbst in die Klinik fährt und wir nicht mit dem Taxi gehen müssen. Er meinte, jaja, er will sich eh einschränken und gesünder leben (er ist zudem ziemlich starker Raucher). Ich rauche nicht und trinke wenig (aktuell eh nicht, da ich voll stille). Am entscheidenden Abend (Geburt) war er dann nüchtern, aber wir wussten auch, wann wir gehen mussten, da ich eine Einleitung hatte.

Geändert hat sich an einem Lebenswandel nichts, nachdem unsere Tochter geboren ist. Mein Problem sind vor allem die Wochenenden. Dann greift er gerne schon um die Mittagszeit zum ersten Bier oder zum ersten Glas Weisswein und trinkt dann über den ganzen Nachmittag und Abend weiter. Irgendwann nach dem Abendessen merke ich es ihm dann langsam an, er beginnt zu nuscheln. Gestern Sonntag nun ein Tiefpunkt. Wir waren am Nachmittag spazieren – unterwegs haben wir zweimal Kaffee getrunken (er zwei Bier). Zuhause dann wieder Bier und Weisswein (wie viel weiss ich nicht). Er hat wie immer die Kleine gewickelt und Babymassage gemacht und für uns gegrillt. Er war sehr ruhig. Irgendwann als sie schon im Bett war, schwankte er ein wenig vor dem Kühlschrank und ich meinte, „das war wohl ein wenig viel Weisswein“. Er meinte nur: „Papa ist hinüber.“

Später ging er ins Bad und plötzlich höre ich ihn erbrechen. Bin dann hin und fragte: „ist dir übel?“ (schlaue Frage…) Er meinte nur „ja, irgendwie schon“. Hab ihm dann den Rücken gestreichelt und gewartet bis es vorüber war. Vorwürfe wollte ich ihm in diesem Moment keine machen, bringt ja auch nichts. Ich meinte nur, „ich hoffe, du hast nichts Schlechtes gegessen, aber wir hatten ja eigentlich dasselbe.“ Als er aus dem Bad kam, hatte er Tränen in den Augen (weiss nicht, ob wegen der Übelkeit oder ob er sich doch irgendwie geschämt hat). Man muss dazu sagen, dass er schlecht über seine Gefühle reden kann. Ich auch nicht über meine, aber etwas besser als er. Weil er so ruhig ist, weiss ich auch nach drei Jahren manchmal noch nicht, was genau in ihm vorgeht.

Er hat dann noch ein wenig an seinem Handy rumgedrückt, putzte sich zweimal die Zähne, kam zu mir und meinte: „ich gehe ins Bett.“ Ich: „Ja, gute Besserung.“ Das war kurz vor 21 Uhr.

Ist er schon Alkoholiker oder nur auf dem Weg dazu? Man muss dazu noch sagen, dass er jeden Tag zur Arbeit fährt, seinen Job gut macht, in seinem Umfeld beliebt ist, viel Sport treibt und sein Leben sonst im Griff hat (er kann zum Beispiel viel besser mit Geld umgehen als ich). Meine Eltern, die mir sehr nahestehen, und meine Freunde sind grosse Fans von ihm. Ich getraue mich aber deshalb auch nicht, mit ihnen über meine Schwierigkeiten mit seinem Alkoholkonsum zu reden, ich will das gute Bild, das sie von ihm haben, nicht zerstören. Meine Eltern trinken keine Tropfen Akohol. Meine Freunde trinken gerne, aber wenig (wie ich).

Was soll ich tun? Mir ist klar, dass ich ernsthaft das Gespräch mit ihm suchen muss. Ich habe es zwar immer mal wieder angesprochen und versucht, zu sagen, dass ich es besser fände, er würde etwas weniger trinken, aber ein richtiges Krisengespräch gab es nie. Es ist einfach dieses latent ungute Gefühl, das ich etwas seit April habe. Ich finde, er muss jetzt irgendwie die Notrbremse ziehen. Ich möchte eigentlich keinen Partner, der 50 Prozent der Zeit, die wir zusammen verbringen, nicht ganz nüchtern ist.
Vielen Dank für Ihre Antwort(en)!

1 Antworten
Mike Berater/in antwortete vor 8 Monaten

Guten Tag Alice
vielen Dank für ihre Frage. Für ihren Mann scheint Alkohol ein fester Bestand seines Lebens zu sein. Oftmals ist es dann ein schmaler Grat zwischen „regelmässigem Genuss“ und „es geht nicht mehr ohne“. Wenn ich es richtig verstanden habe, so gibt es leider keinen Tag mehr, an dem er keinen Alkohol trinkt, sondern die Tage unterscheiden sich nur noch punkto Menge des Konsums. Da wage ich auch mal ein Fragezeichen beim Thema „Genusstrinken“ zu setzen. Genuss hat in meinem Verständnis auch viel mit bewusstem Konsum zu tun, damit sich Zeit zu nehmen und es sollte auch etwas Spezielles sein. Sein Konsummuster hat viel eher etwas mit Gewohnheit zu tun und es wäre spannend zu sehen, ob alkoholfreie Tage überhaupt noch möglich sind.
Ich mache ihnen Mut ihn darauf anzusprechen und nicht darauf zu bauen, dass sich „schon alles irgendwie regelt“. Alkohol hat die Tendenz „immer mehr“ zu werden und was als Genuss angefangen hat kann in einer Abhängigkeit  enden. Wenn es beiden schwer fällt über die eigenen Gefühle zu sprechen, so macht es sicherlich Sinn das zu lernen. Auch wenn der Anfang vielleicht seltsam und schweirig ist, so lohnt es sich sehr z.B. dieses „latent ungute Gefühl“ klar zu formulieren. Ich mache ihnen grundsätzlich Mut, seinen Alkoholkonsum nicht als „Geheimnis“ zu behandeln, sondern auszusprechen was sie stört und was ihnen Mühe macht. Suchen sie sich Menschen, mit denen sie ihre Gefühle, ihre Sorgen und Ängste besprechen können. Vielleicht bekommt das „gute Bild“ dann ein paar Kratzer, aber es macht keinen Sinn ein Bild zu pflegen, das so nicht stimmt. Neben all seinen tollen und positiven Eigenschaften gibt es halt einen Bereich, in welchem er ein Verhalten zeigt, mit dem er letztlich sich und ihre Beziehung gefährdet.
Mir gefällt ihr Satz „Ich möchte eigentlich keinen Partner, der 50 Prozent der Zeit, die wir zusammen verbringen, nicht ganz nüchtern ist.“ sehr. Hier haben sie klar formuliert was sie sich wünschen und das könnte ein guter Einstieg in ein gemeinsames Gespräch sein. Es geht ja nicht darum, ihm den Alkohol „wegzunhemen“, sondern wieder neu zu definieren, wie sie sich die Bezieheung vorstellen – und welc hen Stellenwert der Alkohol darin haben soll/darf. Wenn das gemeinsame Gespräch aber sehr schwer fällt, so wenden Sie sich doch an eine Fachstelle, dort können solche Gespräche vorbereitet oder auch moderiert werden.
Ich mache ihnen nochmals Mut, sein Konsumverhalten anzusprechen und das nicht zu einem „Familiengeheimnis“ werden zu lassen.
Liebe Grüsse und viel Kraft
MIke

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