richtiger weg?

Anonym asked 3 Jahren ago

ich habe in den vergangenen jahren angefangen, immer mehr und regelmässig zu trinken. mittlerweile heisst das im extremfall: schon ab 11:00 mal eine flasche prosecco öffnen, bis zum mittagessen ist die halb leer, dann zum mittagessen eine flasche rotwein öffnen, 3-4 dl trinken, spätestens am abend wird die flasche rotwein leer getrunken. Körperlich hat es vor allem die Verdauung verändert. fast jeden morgen habe ich gleich nach dem aufstehen durchfall, dann beruhigt sich der magen wieder. bisher hat sich das trinken (noch) nicht auf meine arbeit ausgewirkt; ich bin selbständig. Ich vermute, auch deshalb ist das trinken für mich „kein problem“. bisher!!!
Aber ich möchte was ändern. auch, weil ich in den vergengenen 1 1/2 jahren rund 8 kg zugenomen habe (rotwein hat ja bekanntlich viele kalorien) Jetzt beginne eine 10-tägige Saftkur, werde also keinen tropfen alkohol trinken, werde zu einer ernährungsberatung gehen um meine ernährung umzustellen (weniger fleisch, mehr vegi).
meine frage: wie klingt das – schaffe ich das? oder ist meine absicht eines radikalen wechsels zum scheitern vorbestimmt weil ich die messlatte zu hoch ansetze?

Antje antwortete vor 3 Jahren

Hallo
Erst einmal: „Glückwunsch“! Du hast Dich von Dir aus entschieden (ohne Druck von aussen, z.B. Arbeit), etwas an Deinem Verhalten zu verändern. Du merkst selbst, dass Dir der hohe Alkoholkonsum nicht mehr gut tut. Deine Motivation, um etwas für Dich zu tun, sind die körperlichen Folgen, die das Trinken hat (Gewichtszunahme, Durchfall…). Ich finde es wichtig, Dir das besonders bewusst zu machen, denn mit einer guten Motivation bist Du schon ziemlich gut unterwegs (und die braucht man, damit man auch schwierigere „Durststrecken“ auf dem Weg zur Verhaltensveränderung durchstehen kann!!!). Vielleicht fallen Dir ja auch noch mehr negative Folgen ein, die der Alkoholkonsum mit der Zeit bei Dir mit sich gebracht hat. Oder auch positive Folgen, die eine Alkoholreduktion oder (befristete) Abstinenz mit sich bringen würde.
Prinzipiell ist es so, dass wir „Fachleute“ es unseren Klienten nicht empfehlen, einen Entzug (und das ist es bei Dir!) ohne ärztliche Begleitung zu machen. Es kann zu Komplikationen und unangenehmen Entzugserscheinungen kommen, die sogar gefährlich werden können. Daher würde ich Dir empfehlen, neben der Ernährungsberatung auch Deinen Arzt hinzu zu ziehen oder Dich an eine Fachstelle (Sucht-Beratungsstelle) zu wenden. An vielen Beratungsstellen werden ambulante Entzüge von Ärzten begleitet und es können im Bedarfsfall auch Medikamente abgegeben werden um die Entzugssymptome zu lindern.
Der körperliche Entzug ist aber nur das eine. Das andere ist der „psychische“ Entzug, der oft noch schwieriger ist. Es ist anzunehmen, dass Du Alkohol aus bestimmten Gründen getrunken hast, z.B. um eine bestimmte Wirkung zu erzielen (z.B. um sich zu entspannen, um abzuschalten, um Sorgen zu verdrängen, aber auch um sich aufzuheitern, um die Stimmung zu verbessern…). Bei einem Entschluss, weniger oder für eine Zeitlang keinen Alkohol mehr zu trinken, ist es sinnvoll sich auch darüber Gedanken zu machen. Wofür steht der Alkoholkonsum bei mir? Welche Bedürfnisse stecken denn eigentlich dahinter? Was brauche ich stattdessen? Welche alternativen Verhaltensweisen will ich mir angewöhnen (z.B. statt am Vormittag zu trinken einen kleinen Spaziergang zum abschalten zu machen oder mit jemandem zu telefonieren, wenn man Sorgen hat…). Auch da kann es helfen, sich an eine Beratungsstelle zu wenden und mit jemandem vom Fach über diese Themen zu sprechen.
Damit es zu einer langfristigen Veränderung kommt, braucht es auch eine längerfristige Planung. Es braucht vielleicht etwas mehr als eine 10-tägige Saftkur, aber es lohnt sich bestimmt, sich auf diesen Weg zu machen. Ich wünsche Dir dafür von Herzen alles Gute und Du darfst Dich auch sehr gerne hier wieder melden.

johannes peter antwortete vor 3 Jahren

@Antje
Hallo Antje
Ich habe bewusst mal ein paar Tage abgewartet zu schreiben, um zu schauen, wie ich das Ganze angehen kann.
Danke für Deine Antwort die mich noch mehr animiert hat, wirklich was zu ändern. Dein ungeschönter Hinweis, dass es sich bei mir um einen Entzug handelt hat mich sehr wachgerüttelt. ES IST EIN ENTZUG – PUNKT. Und nicht „ich glaube, ich habe ein kleines Alkoholproblem …“. Was habe ich bisher erlebt? Die Saftkur habe ich gemacht (10 Tage), erstaunlicherweise ohne Entzugserscheinungen (und mit positiv stimmenden gepurzelten 3,8 Kilos). Und ich habe mich sofort besser gefühlt, jeden Tag mehr, und auch die Darmflora hat sich normalisiert. Gleich am letzten Tag der Kur war meine 1. Sitzung mit der Ernährungsberaterin. Ich bin jetzt in diesem Programm, zu Beginn engmaschig betreut. Und das Beste: es fühlt sich sehr gut an, und trotz einer aktuellen Erkältung mit hartnäckigem Husten geht es mir immer besser. Ich glaube ganz fest daran, dass ich es schaffe. Auch weil ich weiss, dass das Programm ein ganzes Jahr dauert :-)
Und der Alkohol? Interessanterweise hält sich das Verlangen bisher total in Grenzen. Ich denke kaum an Alkohol, und in den bisher 2-3 Momenten, wo ich mit Leuten in einer Beiz war, konnte ich problemlos bei einem Cola Zero, einem stillen Waser oder einem Macchiato den anderen zuschauen, wie sie Alkohol trinken. Klingt fast schon „zu schön um wahr zu sein“ – aber es ist so, und es stellt mich total auf!
Und zuletzt noch eine spannende Entdeckung, die vielleicht auch anderen helfen kann (auch wenn ich weiss, dass ich noch lange nicht über dem Berg bin erlaube ich mir das zu schreiben)
– mit Trinken aufhören wollte ich schon lange
– innerlich spürte ich aber lange, dass ich nicht wirklich bereit dazu war
– bis vor ca. 1 Monat der Punkt kam wo ich spürte: jetzt ist der Moment, jetzt schaffst Du das
– die stärkste Ebene ist der Kopf, die Gedanken
– ich habe mir vorgenommen, nicht gegen die Gelüste zu kämpfen, sondern mich an ihnen „zu erfreuen“
– schon während der Kur konnte ich mich so freuen, wenn mein Gegenüber herzhaft in ein Stück Kuchen biss, mir lustvoll vorstellen wie es sich wohl anfühlt, schmeckt, UND gleichzeitig der Versuchung nicht zu erliegen
– genau so geht es mir mit dem Alkohol; ich freue mich am Gedanken „Mhm, jetzt ein Glas feiner Riocha wäre toll …“ UND nicht zu trinken
Was mir auch extrem hilft sind meine „Gedanken- Mantras“ die ich einige male im Tag als Selbstgespräch wiederhole. Das klingt dann ungefähr so: „Hey schau her, heute ist schon der X-TAg, wo Du trocken bist. Ich kenne mein Ziel: keinen Alk mehr zu Hause trinken (und bis auf weiteres auch auswärts nicht). Das schaffe ich. Ich sehe mich schon im Juni, wenn ich wieder meine tollen grünen Hosen anziehen kann, das Hemd wieder IN die Hosen stecken kann, und mich wohl fühle.“
Und mit solchen Gedanken bereite ich mich auch auf „Alk- Momente“ vor. Der nächste wird diesen Freitag sein wenn wir auf den Geburtstag meines Vaters anstossen. Und ich weiss jetzt schon: das werde ich schaffen :-)

ps. Auf die Frage, warum ich trinke, habe ich bisher keine schlüssige Antwort. Auch nach längerem Nachdenken finde ich kein Kompensations- Motiv wie Frust, Stress o.ä. Ich erlebe mich sehr ausgeglichen, komme selten in Stress, habe einen Beruf der mich total erfüllt – irgendwie noch komisch, dass ich überhaupt begonnen habe, immer mehr zu trinken. Kann reine Lust an alkoholischen Getränken auch ein Grund sein?

Antje antwortete vor 3 Jahren

Hallo Johannes Peter
Wow, also das hat mich jetzt sehr gefreut, von Dir zu hören!!! Danke für Deine Rückmeldung. Und: Gratulation zu Deinen tollen Erfolgen! Das ist eben das Tolle: wenn man aufhört zu trinken und man dann merkt, „es geht auch ohne“ (und ist ja gar nicht so schwer!!!). Die Erfahrung zu machen, dass die Lust zu trinken sich dann innerhalb von relativ kurzer Zeit wieder verflüchtigt und dann die positiven Gefühle überwiegen. Und etwas anderes, was Du beschreibst ist auch wichtig: dass es vor allem um die innere Einstellung geht, um die innere Entscheidung: „ich will jetzt keinen Alkohol mehr trinken“. Und der Gedanke: „ich schaffe es“.
Was mir neu ist, ist Deine Strategie, nicht gegen die Gelüste zu kämpfen, sondern sich daran zu erfreuen. Quasi, sich an den Geschmack oder das Gefühl zu erinnern, das der Alkohol ausgelöst hat. Und dann sich daran zu erfreuen, es geschafft zu haben, nichts getrunken zu haben.
Also auf jeden Fall wünsche ich Dir nun heute Abend ein schönes Geburtstagsfest mit Deinem Vater und ein glückliches Anstossen ( mit etwas Nicht-Alkoholischem!) auf seine Gesundheit!
Noch kurz zu Deiner letzten Frage: natürlich kann es sein, dass auch die reine Lust an alkoholischen Getränken zu einer Abhängigkeit führen kann. Um die Lust zu stillen, reicht dann mit der Zeit nicht mehr ein Getränk, sondern es müssen dann immer mehr sein. An die Wirkung, das schöne Gefühl, gewöhnt sich der Körper und verlangt dann nach mehr, um die gleiche Wirkung wieder zu erzielen.
Herzlichen Gruss,
Antje

Johannes Peter antwortete vor 2 Jahren

Hallo Antja
Es ist Juni und ich passe wieder in meine grünen Hosen. Bzw. nach 12KG abgenommen brauche ich den Gurt damit mir die Hosen nicht runter fallen. Es fühlt sich grossartig an. Und mit dem Alkohol habe ich es bisher im Griff. Aber dazu bleibe ich immer noch bei der Devise: „keinen Alkohol zu Hause“.
Mein nächstes Ziel ist es nun, nun ca. 2 KG runter zu gehen, schön Schritt für Schritt (bin nähmlich schon fast bei meinem Optimalgewicht das ich vor 25!!! Jahren mal hatte :-) und mein Ess- und Trink (oder besser gesagt ) Nichttrinkverhalten beizubehalten.
Danke für Deine Unterstützung.
jp

Antje (Beraterin) antwortete vor 2 Jahren

Hallo Johannes Peter
Schön, von Dir zu hören! ich freu mich sehr mit Dir, dass Du weiterhin Deine Ziele so konsequent verfolgst und dabei ziemlich erfolgreich bist! Das hört sich ja wirklich gut an!
Schritt für Schritt ist auch eine gute Devise. Lieber kleinere machbare Schritte gehen und diese dann erreichen. Das Erfolgserlebnis ist die Belohnung (und dass so manches Kleidungsstück wieder passt…). Dazu kommt Selbstzufriedenheit, wieder mehr Selbstbewusstsein, ein gutes Körpergefühl und vielleicht sogar insgesamt wieder mehr Lebensqualität. Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute auf Deinem Weg!
Mit herzlichem Gruss,
Antje


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