Täglich 1 Liter Wein …

Anonym fragte vor 5 Jahren

Mich stört es ungemein, dass mein Partner jeden Abend zwischen 19 und 22 Uhr einen Liter (nicht eine Flasche à 0.75) Wein trinkt.
Durch den Alkoholkonsum verändert er sich. Er wird nicht aggressiv, sondern langsamer, ruhiger, argumentiert umständlicher. Und wie er dasitzt vor dem Fernseher: Bauch raus, Beine weit nach vorne … so unästhetisch! Sein Blick verändert sich, kurz: ich fühle mich jeden Abend von dem Menschen, den ich liebe, verlassen. Denn der, der dasitzt – mit dem möchte ich nichts zu tun haben!
ich habe ihm schon mehrmals gesagt, dass mich sein Verhalten traurig macht.
Er meinte dazu nur, ich hätte Angst, er sei Alkoholiker. Aber Alkoholiker sei er nicht. Alkoholiker tränken aus der Flasche … ER trinke nicht zu viel, sei immer voll bei Sinnen …

Ich mag ihm nicht drohen, dass ich ihn verlasse, wenn er so weiter trinkt.

Was kann ich tun?

Danke für euer liebevolles Mitfühlen und Mitdenken.

Mike Mitarbeiter antwortete vor 5 Jahren

Hallo

vielen Dank für deinen Beitrag. Ich würde da gerne zwei Sachen unterscheiden, auch wenn sie natürlich zusammengehören. Zuerst möchte ich klar definieren, wann man davon sprechen kann/darf, dass jemand alkoholabhängig ist. Es müssen bestimmte von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen Experten definierten Kriterien erfüllt sein:

Die folgenden Symptome gelten für die Alkholabhängigkeit (man muss aber nicht gleichzeitig alle Merkmale aufweisen)

Toleranzentwicklung (man benötigt immer mehr Alkohol um noch die gleiche Wirkung zu spüren)
Psychische Abhängigkeit (man hat ein Verlangen nach Alkhol, das vielleicht nur leicht oder aber ausgesprochen stark ausgeprägt ist)
Entzugserscheinungen (wenn man nicht trinkt treten verschiedene körperliche Symptome des Entzugs auf)
Trinken von Alkhol um die Entzugssymptome zu begrenzen oder zu verhindern
Vergebliche Versuche den Alkoholgebrauch zu kontrollieren (oder zu stoppen)
Verbringt einen grossen Teil der Zeit mit dem Konsum von Alkohol bzw. den Folgen davon
Schädigende Auswirkungen durch den Alkholkonsum für die Person selber oder sein Umfeld (z.B. Probleme in Schule oder Arbeit, Konflikte mit Mitmenschen bzw. Familie, Vernachlässigung von Interessen und Hobbies, häufige Krankschreibungen oder Unfälle)
Das Trinken von Alkohol erfolgt häufiger und stärker als ursprünglich geplant (Kontrollverlust)
Alkohol wird getrunken, obwohl die betroffene Person von der schädlichen und gefährlichen Wirkung weiss

Wie du siehst, ist das Trinken aus dem Glas oder direkt ab der Flasche da kein Kriterium und hat nun mal absolut überhaupt nichts damit zu tun. So wie du ihn aber beschreibst, ist seine Selbstwahrnehmnung („ER trinke nicht zu viel, sei immer voll bei Sinnen „) nicht ganz realitätsnah.

Der andere Aspekt ist wie du ihn erlebst („Bauch raus, Beine weit nach vorne … so unästhetisch! Sein Blick verändert sich, kurz: ich fühle mich jeden Abend von dem Menschen, den ich liebe, verlassen,….“). Ich denke, dass du ihn auf diese ganz konkreten Verhaltensweisen, Verhaltensveränderungen ansprechen kannst. Da er ja „kein Problem mit Alkohol hat“, würde ich dort gar nicht mit ihm streiten, sondern dich auf das Beobachtbare beschränken. Es geht dann eben gerade nicht darum ob er Alkoholiker ist oder nicht, sondern ganz einfach darum wie sein Verhalten – das logischerweise vom Alkohol (mit)ausgelöst wird – auf dich und eure Beziehung wirkt. Ich hoffe, dass er sich da auf eine Diskussion einlässt und versteht, wie du das erlebst.

Liebe Grüsse
Mike

Sophia antwortete vor 5 Jahren

Danke, lieber Mike, für die schnelle und kompetente Antwort.

Mir ist klar, dass „seine Selbstwahrnehmung nicht ganz realitätsnah“ ist. Deine Worte haben dem, was ich fühle einen Begriff, einen „Namen“ gegeben. Das wirkt auf mich immer helfend und ich kann dann besser mit dem Problem umgehen. Mit einem „Rumpelstilzchen-Problem, das seinen Namen nicht nennt, hab ich es sehr schwer.

Gut ist dein Hinweis, mich auf das von mir Beobachtbare zu beschränken und das Problem ob Alkoholiker oder nicht weg lassen.

Wahrscheinlich wird er dann – wie immer, wenn ich ihn auf etwas aufmerksam mache, was mir bei ihm nicht gefällt – nicht wirklich zuhören, sondern sich sofort verteidigen und schnell auf einen „Fehler“ von mir hinweisen, den er ja auch ertragen müsse.
Er kann es nicht ertragen, seine Schwachstellen vor mir anzuschauen, leider.
Ich frage mich, ob dies mit seinem jahrelangen Alkoholkonsum zusammenhängt.

Lieben Gruss,
Sophia

Mike Mitarbeiter antwortete vor 5 Jahren

Hallo Sophia

deine letzte Frage ist aus meiner Sicht nicht klar zu beantworten. Einerseits hilft der Alkohol sicher nicht zu einem reifen Umgang mit sich selbst zu finden – und da gehört für mich dazu, dass man seine Schwächen erkennt und auch dazu steht – andererseits hat er das vielleicht noch nie gelernt und es ist daher „unabhängig“ von seinem Alkkonsum. Es wird letztlich wohl ein sowohl-als-auch sein.

Es stellt sich für mich ja dann die Frage; kannst du damit leben oder muss sich das was ändern, dass du eine lohnenswerte Zukunft siehst?

Liebe Grüsse
Mike

Sophia antwortete vor 5 Jahren

@Mike
Danke für deinen Beitrag.
Ja, ich wünsche mir, dass sich etwas ändert.
Und ich glaube, da ICH will, das sich etwas ändert, muss ich mich ändern. Das habe ich bei al anon gelernt.
Aber WIE ich mich ändern muss, das muss ich noch herausfinden – wohl mit professioneller Hilfe.

Liebe Grüsse
Sophia

kummer antwortete vor 5 Jahren

@guest
Hallo Sophia,
mir geht es im Moment ziemlich ähnlich wie Dir.Mein Mann war für 4 Tage geschäftlich fort und ich freute mich auf Ihn.Hatten heute auch einen schönen Tag zusammen.Nun heute Abend trank er wieder eine Flasche Weisswein plus 1 Flasche Rotwein.Er verändert sich auch so, dass er nicht mehr klar sprechen kann und er für mich auch nicht mehr der Mann ist den ich geheiratet habe.Ich habe Angst mich an das Blaue Kreuz zuwenden,da ich nicht sicher bin wie anonym ich mich melden kann.Wir wohnen an einem Ort wo ich sehr viele kenne und ich mein Gesicht nicht verlieren will.Mein Mann hat auch einen super Job den ich nicht gefährden möchte.Wenn ich Ihn auf sein Verhalten anspreche,sieht er nicht ein das es zuviel ist.Es geht leider schon länger so.Ich möchte ihn auch nicht vor die Wahl stellen entweder hört er auf oder ich bin weg..wir erwarten in kürze unser 3 tes Kind und ich möchte mit ihm zusammen bleiben.Ich weiss einfach nicht weiter.Wie gehst Du nun vor?Liebe Grüsse

Mike Mitarbeiter antwortete vor 5 Jahren

@kummer

Hallo Kummer
ich kann deine Bedenken bezüglich Anonymität und „Schutz“ verstehen, doch wir unterstehehen alle der Schweigepflicht. Eine Beratung kann – zumindest am Telefon – auch anonym ablaufen. ich bin mir sicher, dass du eine Lösung findest, wei du auch für dich Hilfe und Unterstützung finden kannst. Ob die Alternative – brav weiter eine Fassade aufrechterhalten und so tun, als ob alles super sei – besser ist musst du entscheiden.

Liebe Grüse
Mike

1 Antworten
Vanessa antwortete vor 4 Wochen

Hallo Sophia Es ist nun bereits 5 Jahre her, dass du dein \“Problem\“ hier geschildert hast.  Darf ich erfahren wie es dir inzwischen ergangen ist?    Liebe Grüsse Vanessa

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