Vater (trockener Alkoholiker) animiert Sohn zum Alkoholkonsum – warum? Was tun?

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Anika asked 3 Monaten ago

Hallo,
zuerst braucht es wahrscheinlich einen kurze Zusammenfassung über die Vergangenheit in meiner Familie: Mein Stiefvater ist seit gut 20 Jahren trockener Alkoholiker, davor gab es bei uns zu Hause das „normale“ Programm eines schweren Alkoholikers, der rund um die Uhr trinkt, Brüllerei, eingeschlagene Türen, Co-Abhängigkeit meiner Mutter, die deshalb ihre Arbeit aufgab etc.
Als er in den Entzug ging, war ich ca. 12 Jahre alt. Danach erst wurden meine beiden Halbbrüder geboren, sie kennen ihren Papa also gottlob nur trocken. Ich bin sofort mit 18 Jahren ausgezogen, das Verhältnis zur Familie war sehr schlecht, was sich über die Jahre aber wieder einpendelte, auch wenn wir uns nicht oft sehen. Mittlerweile habe ich selber eine heftige Alkoholikerkarriere hinter mir, Entzug und Therapie 2011 und Abstinenz bis 2016. Als ich 2015 meine Familie besuchte, habe ich diese Geschichte erzählt, es gab einen Austausch mit meinem Stiefvater, wir waren uns einig, dass man als Trockener auch kein „alkoholfreies“ Bier trinken sollte etc. Nach meinem Rückfall 2016 habe ich Januar 2018 erneut entzogen und Therapie gemacht, seither bin ich wieder durchgehend abstinent.
Meine beiden Brüder wohnen nach wie vor zuhause, das Haus wurde ausgebaut, um Wohnraum zu schaffen, sie werden also nicht ausziehen.
Nun war ich letzte Woche seit über 4 Jahren mal wieder zu Besuch bei meinen Eltern und finde folgende Situation vor: Mein Stiefvater begrüßt mich nachmittags mit den Worten, er könne mir eigentlich nichts zu trinken anbieten, weil er und Mama ja nichts trinken, er könnte aber gucken, ob mein Bruder noch Wein unten in seiner Wohnung hätte… Ich sage, er habe wohl vergessen, dass ich ebenfalls trocken sei. Von ihm keine Antwort, der etwas seltsame Moment wurde einfach übergangen. Da wir uns nun wirklich nicht oft sehen oder hören, legte ich das unter „Versehen“ ab…
Im Laufe des Nachmittags gab es eine „Hausbesichtigung“ der neuen Räumlichkeiten, wo mir auch das „Kinozimmer“ eines meiner Brüder gezeigt wurde. In einer Ecke darin stapelten sich sicher 20 leere Weinflaschen. Kommentar meines Stiefvaters: Ja, da wird es sich von meinem Bruder gemütlich gemacht, da gibts es dann auch mal „ein Glas Wein. Oder zwei, oder drei.“ Darauf Gelächter seinerseits. Ich sagte: „Sag mal, findest Du das als Ex-Alki lustig? Dass dein Sohn abends alleine vor dem Fernseher hängt und eine Flasche Wein kippt?“ Nein, das wäre alles total ok, er bräuchte ja auch mal was, um abzuschalten. Da bringe er ihm auch schon mal ein Fläschchen mit, wenn er einkaufen wäre.
Ich beharrte darauf, dass es als Vater, noch mehr als Trockener-Alkoholiker-Vater, seine verdammte Pflicht ist, das nicht zu beschönigen. Und es keinesfalls zu forcieren, indem er ihm noch unaufgefordert Alkohol mitbringt. Und dass er es, wie ich auch, am besten wüsste, dass man Alkohol missbraucht, wenn man ihn zum „Abschalten“ trinkt, noch dazu alleine usw. Mein Stiefvater war (oder tat?) völlig unverständig, ich kam nicht bei ihm durch, er wechselte einfach das Thema und verschwand dann für eine halbe Stunde, wie schon immer, wenn ein Thema aufkommt, das ihm nicht passt und wobei er kritisiert wird.
Später beim gemeinsamem Grillen ging es dann weiter: Mein Stiefvater fragte meinen Bruder, ob er nicht was zu Trinken haben wollte, sonst würde ja das „trockene Fleisch nicht gut runtergespült“. Mein Bruder verneinte zwar, aber ich war einfach fassungslos, dass er ihm den Alkohol förmlich aufdrängt.
Vor 4 Jahren war das alles noch ganz anders, mein Bruder trank so gut wie nichts. Da wir uns sehr gut verstehen, fragte ich ihn, wie er denn eigentlich auf Wein komme? Denn WENN es früher mal Alkohol bei ihm gab, dann zusammen mit seinem (einzigen) Freund, und das war Bier, vielleicht 1, 2 mal im Monat, wenn überhaupt. Da stellte sich heraus, dass es „unser“ Vater war, der ihm irgendwann was „besseres, anständigeres, nobleres“ als Bier empfahl und ungefragt mit nach Hause brachte. Also brachte er ihn in meinen Augen zu etwas Hochprozentigerem. Auch, dass er (allein) zu Hause etwas trinkt, war letztlich die „Idee“ des Vaters, nicht die meines Bruders.
Ich erzählte meinen Bruder (natürlich nicht das erste Mal) von den schlimmen Alkoholikerzeiten seines Vaters, als er noch nicht geboren war. Auch meine Geschichte erzählte ich erneut, wie es passierte, dass ich nach und nach in die Sucht abrutschte. Und dass es „vom Papa“ alles andere als ein feiner Zug ist, dass er ihm ständig Alkohol anbietet.
Warum tut mein Stiefvater das? Kann man das damit vergleichen, dass Magersüchtige ihr Umfeld oft wie verrückt bekochen, weil es Ihnen eine Art Ersatzbefriedigung verschafft, weil sie selber davon nichts essen „dürfen“, die anderen aber essen?
Mein Einblick dort dauerte weniger als eine Tag, übertreibe ich? Was kann ich tun? Sollte ich versuchen, meinen Bruder mit zu einer Suchtberatungsstelle mitzunehmen, damit er von neutraler Stelle hören kann, welche Mechanismen da vielleicht eine Rolle spielen, dass ihn sein Vater für seine (nach 20 Jahre aufflammende) Sucht missbraucht? Ich könnte mir vorstellen, dass er dem gar nicht so unaufgeschlossen gegenüber steht, wenn ich ihm das anbiete…
Ich möchte noch dazu sagen, dass die Konstellationen in meiner Familie ziemlich seltsam, aus meiner Sicht höchst ungesund sind. Mein Stiefvater ist ein Patriarch und Übervater, der alles bestimmen will und es auch tut. Er „weiß“, was gut für alle ist. Das war schon immer sein Argument, um über sämtliche Wünsche der anderen hinwegzufegen und Ihnen seinen Willen aufzudrücken. Er wiederholt mehrmals am Tag, wie wichtig es ihm ist, dass es der Familie gut geht. Und meint damit den Besitz und das Finanzielle. Das äußert sich momentan zum Beispiel daran, dass er meinen Bruder dazu gebracht hat, nun auf einem angrenzenden Grundstück ein eigenes Haus zu bauen. Wie das aussehen soll und wie das abläuft, bestimmt mein Vater. Mein Bruder murmelte etwas von „ja, das war Papas Idee, aber ist ja eigentlich ganz schön…“. Mein Bruder ist seit einem Jahr selbstständig, der Vater besorgt die Aufträge, mein Bruder führt sie aus… Alles liegt in der Hand des Vaters, er bestimmt über Freizeit und eingenommenes Geld… das ist nicht erst seit Kurzem so, es war schon immer so. Meine Mutter leidet seit Urgedenken an „rätselhaften“ Krankheiten, die kein Arzt feststellen kann, nur sie selbst. Klebte mal alle Fenster ab und lebte im Dunkeln (nur ein kleines Beispiel), ist apathisch, isst manchmal wochenlang fast nichts, magert ab… Ich sehe sie seit Langem als depressiv, aber da wiegelt sie ab, das hätte alles körperliche Ursachen, die nur kein Arzt findet (da war sie aber auch schon jahrelang nicht mehr). Für mich ist das eine Folge des jahrzehntelangem Willen-Aufzwängens von meinem Stiefvater, sie konnte sich nie wehren. Er wollte zum Beispiel das Haus umbauen, dafür musste meine Mutter ihre beiden Räume leerräumen. Sie wollte den riesigen Umbau des Hauses nicht, darüber hat sich mein Stiefvater hinweggesetzt und einfach ALLES von ihr in einem Container entsorgt. Sie stand heulend daneben. Als Außenstehender kann man sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass das tatsächlich so abgelaufen ist, das muss wie Satire oder Märchen klingen. Dazu muss gesagt werden, dass das ganze Haus und Grundstück ihr Besitz ist, nicht der meines Stiefvaters. Er ist und war schon immer massiv übergriffig, und es ist mir völlig klar, dass Gewalt hier schön verpackt wird in „ich will nur das Beste für meine Familie“. Für Gewalt braucht es keine Schläge, das geht auch ganz anders… Irgendwann kam da von meiner Mutter der totale Rückzug vom Leben.
Aus meiner Sicht hat sich jedes Elternteil ein gemeinsames Kind unter den Nagel gerissen: Mein Stiefvater den einen Sohn, um den es hier die ganze Zeit ging. Die beiden schuften und Arbeiten sich zu Tode. Geld ist im Überfluss vorhanden. Meine Mutter hat sich in ihre Krankheit geflüchtet, das jüngere Kind, mein anderer Halbbruder, „hat“ nun seit Jahren die gleiche rätselhaften Krankheiten wie sie, hatte vor 5 Jahren eine Sehnenscheidenentzündung und „kann“ seither nichts mehr arbeiten, ihm ist auch „immer so schwindlig“. Die Mutter nimmt ihn in Schutz; ihm „geht es halt nicht gut“. Also hängt er mit noch nicht mal 25 Jahren nur noch daheim ab und zockt Spiele, ist ständig um die Mutter herum und seinerseits um sie besorgt. -> Diese Geschichte würde viele Seiten füllen, wahrscheinlich ist sie für den Sachverhalt oben erst mal gar nicht wichtig…
Mir als Trockene ist mit am besten klar, dass man niemanden zur Abstinenz zwingen kann. Nur glaube ich auch nicht, dass mein Bruder schon völlig dem Alkohol verfallen ist und es jedenfalls nicht falsch wäre, dass er von einer neutrale Stelle eine Meinung zur aktuellen Situation bekommt. Was denken Sie? Was kann ich tun? Außenkontakte der ganzen Familie sind so gut wie nicht vorhanden, es gibt keine Bekannten oder Freunde, wo sie „einen Spiegel“ oder Rückmeldung für Ihre Lebenssituation hätten.
Tausend Dank im Voraus!

1 Answers
Mike Mitarbeiter answered 3 Monaten ago

Hallo Anika
vielen Dank für ihren Einblick in diese sehr schwierige Situation. Zuerst möchte ich ihnen aber für den Weg den sie geschafft haben gratulieren. Sich einerseits aus der Abhängigkeit und andererseits aus diesem Familiensystem zu lösen ist eine riesige Leistung!
Und vielleicht ist das eine Erklärung für das Verhalten ihres Stiefvaters, denn wenn er so manipulativ, übergriffig und kontrollierend ist wie sie ihn beschreiben (und ich bezweifle das nicht!), so will er natürlich schauen, dass alles und alle unter seiner Kontrolle bleiben. Das was sie geschafft haben, soll ihr Bruder nicht erreichen. Als ehemaliger Alkoholiker wiess er ja selber nur zu gut, dass Sucht und eigenständige Idee und selbstbestimmtes Leben sich quasi auschliessen.
Das ist natürlich nur eine Vermutung, würde aber seinem „unerklärlichen“ Verhalten irgendwie einen (schrecklichen) Sinn geben. Denn so würde es viel einfacher für ihn die Kontrolle zu behalten. Ihr anderer Bruder und ihre Mutter haben sich quasi in die Krankheit „geflüchtet“, so wird auch von dieser Seite kaum Widerstand kommen. Dazu würde auch die soziale Isolation passen, in welche ihr Stiefvater die Familie geführt hat.
 
Die Idee mit ihrem Bruder eine Beratungsstelle aufzusuchen finde ich sehr gut, so hat er die Möglichkeit Infos von „ausserhalb des Systems“ zu bekommen und hoffentlich eigene Entscheidungen zu treffen. Dass dies möglich ist, kann er ja von ihnen lernen, ob er das aber (noch) will und kann ist eine andere Frage…. einen Versuch ist es aber definitiv wert. 
„Schnappen“ sie sich ihren Bruder und gehen auf eine Beratungsstelle, er hat es verdient.
 
Liebe Grüsse und viel Kraft
Mike 
 
 
 

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