Wie weiter mit meinen Eltern

Anonym • vor 2 Jahren

Liebes Team

Wieder einmal stecken wir voll im Schlammassel. Mein Vater trinkt sicher schon über 30 Jahre. Mal hat er gute Phasen, dann wieder schlechte. Ich mag mich an eine Kindheit erinnern, wo mein Vater an jedem Schulfest betrunken war und meine Mutter vorher so nervös war, dass sie zu starken Medis griff. Das war peinlich. Ich verabscheue Alkohl und habe bis ich 20 Jahre alt war, keinen Tropfen getrunken und auch jetzt mag ich höchstens ein halbes Glas Wein zu einem ganz besonderen Anlass. Wir kommen mit ca. 6 Flaschen Wein im Jahr gut aus und davon trinken ja auch unsere Gäste.

Mein Bruder und ich (wir haben inzwischen beide unsere eigene Familie mit Kindern) haben meinen Vater schon zwei Mal in die Entziehungskur geschickt, mit mässigen Erfolg. Denn er sieht gar nicht ein, dass er ein Problem hat. Die anderen in diesen Heimen sind doch nur Penner, aber er doch nicht!!! Wir durften auch nie mit den Ärzten reden. Und als wir ihm verboten, mit unseren Kindern Auto zu fahren, war er fuchsteufelswild und im höchsten Masse beleidigt.

Vor gut 2 Jahren brach meine Mutter zum dritten Mal ihren Rücken. Mein Vater war ständig besoffen und meine Mutter jammerte über tierische Rückenschmerzen. Es kommt leider dazu, dass meine Mutter medikamentensüchtig ist. Wir wissen nicht, warum sie gestürzt ist. Ich habe zwei Theorien. Entweder hat sie wieder einmal zu viel geschluckt und war im Delirium und weil sie Oestoperose hat, bricht bei ihr alles ziemlich schnell. Oder sie wurde „gestürzt“. Nach langem Kampf und x-Telefonaten rief mein Bruder die Ambulanz an. Ich übernahm danach den Part in der Notaufnahme (mein Vater war ja betrunken). Ihr Körper war übersät mit blauen Flecken. Dieser fragende und vorwurfsvolle Blick des Arztes werde ich nicht vergessen. Wir redeten auf sie ein, woher die Flecken kommen, aber sie meinte, nein mein Mann schlägt mich nicht, wenn ihr das meint…Sie wurde am Rücken operiert und ich raste von Wohnung zum Krankenhaus und zurück, weil mein Vater sich um gar nichts kümmerte. Es war extrem schwierig mit Mutter im Krankenhaus, weil sie sofort die stärksten Medis verlangte und aggressiv war. Immer wenn wir auf das Thema Wohnung kamen, wurde sie zickig. Sie wohnten im 3. Stock ohne Lift und nur Bad mit Badewanne. Mein Bruder und ich baten sie, endlich eine Wohnung mit Lift zu suchen. Aber wir wurden immer nur beschimpft, dass wir sie abschieben wollen. Hä, nein nur eine Wohnung mit Lift und vielleicht noch mit begehbarer Dusche!!! Mein Vater hatte nichts anderes zu tun, als weiter zu trinken und er verpasste seine Arzttermine. Die Telefone meiner Mutter nahm er nicht ab. Die drehte wieder am Rad, telefonierte mir bis zu 4 mal in der Stunde und meinte, der arme Mann bringe sich um… Bei mir ging er ans Telefon und meinte frech lallend, wir können ihn heute Abend beim Friedhof finden. Daraufhin klingelten mein Bruder und ich bei ihm Sturm (mit zwei vollgepackten Einkaufstüten mit Esswaren). Doch er machte nicht auf. Wir wussten, dass er zu Hause war und liessen die Polizei antraben. Leider rief genau in dem Moment, als die Polzei fast die Türen eindrückten, mein älterer Sohn an (damals 12 Jahre). Er bekam alles mit und danach weigerte er sich über ein Jahr in ein Lager zu gehen, obwohl er vorher das oft und gerne machte…Wir wiesen meinen Vater zwangsweise ins Krankenhaus ein. Dort musste er noch notoperiert werden, weil die Lunge einen Riss hatte. Mein Mann, mein Bruder und ich putzen die Wohnung meiner Eltern sauber, da alles vollepinkelt war. Echt zum Ablöschen. Selbstverständlich hatten wir auch die Kesb „am Hals“. Doch wir setzten uns für unsere Eltern ein. Mein Vater wurde nach dem Klinikaufenthalt in eine Entziehungskur geschickt, meine Mutter kam in die Reha. Nach der Reha durften wir für sie ein Pflegeheim suchen, da sie nicht mehr Treppensteigen konnte.Sie wurde fast aus dem Pflegeheim ausgewiesen und ins Schlössli geschickt, weil sie hier nicht mehr so viele Medis schlucken konnte wie sie wollte und sich aufführte wie… Doch sie gewöhnte sich an den Alltag und schon nach 2 oder 3 Monaten schaffte sie es wieder Treppenzusteigen und zu laufen. So konnte sie wieder zusammen mit meinem Vater in die Wohnung ziehen. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch. Mein Bruder und ich schworen ihnen, dass es das allerletzte Mal war, dass wir sie da rausgezogen haben. Unsere Kinder und Familien gehen drauf. Das signalisierte vor allem auch mein ältester Sohn, dem es fast ein Jahr sehr schlecht ging.

Es ging nun auch etwa 2 Jahren gut. Vor gut einem Jahr zogen sie mit viel Drama in eine neue Wohnung. Sie ist mitten in ihrem gewohnten Dorf, 5 Minuten vom Migros, mit Lift, begehbarer Dusche und eigene Waschmaschine … Es wohnen nur alte, meist fröhliche Leute dort und diese unternehmen immer wieder etwas mit einander. Es hat auch Gemeinschaftsräume und Küche… Aber sie finden die Wohnung das allerletzte und geben uns die Schuld, dass wir sie in so ein „Loch“ gesteckt haben (es ist zwar ein topmoderner Neubau und sie sind die ersten Mieter…). Als mir die neuen Nachbarn mitgeteilt hatten, dass mein Vater immer in der Garage herumschleicht, klingelten mir sämtliche Alarmglocken. Sein Superversteck für Alkohol ist nämlich der Kofferraum oder das Garagenkästchen. Es wurde wieder alles abgestritten, meine Mutter tat so, als wüsste sie nicht, dass man meinem Vater eine Null-Alk-Politik verordnet hatte. Aber wird fanden wieder leere Wein- und Schnapsflaschen.

Nun spitzt sich die Situation wieder zu. Mein Vater pinkelt wieder daneben und in die Hose und meine Mutter ist auch alleine nicht lebensfähig. Sie weiss ja nicht einmal mehr wo die Migros steht, obwohl sie seit über 30 Jahren in diesem Dorf wohnen und die Migros immer noch am selben Ort steht. Einfach 5 Minuten geradeaus dem Wegchen entlang… Sie ist vermutlich dement, aber auch das wird nicht wirklich zugegeben. Es wird immer behauptet, dass sie rausgehen und spazieren, doch das ist sicher gelogen. Sie sitzen den ganzen Tag vor dem Fern und schreien sich an. Letztes Wochenende hatten sich meine Eltern dermassen gestritten, als sie mit meinem Bruder telefonierten, dass mein Vater meiner Mutter das Telefon nachwarf. Daraufhin verständigte mein Bruder die Polizei. Sie führten meinen Vater mit über 2 Promille ab und wollten ihn in die Ausnüchterungszelle bringen. Diese nahmen ihn jedoch nicht auf (was für die Polizei unvertändlich war). Mein Bruder holte meine Mutter zu sich. Am nächsten Morgen erklärte mein Vater, dass die Mutter bleiben könne, wo der Pfeffer wächst. Nach langem Bitten von meiner Mutter war er dann so gnädig, dass sie wieder zu ihm durfte. Meine Mutte machte schon wieder Vorwürfe, dass es so gemein war, die Polizei zu holen und dass mein Vater so arm sei…Gestern und heute hat sich mein Vater wieder so volllaufen lassen, dass nun meine Mutter die Ambulanz rief. Wow, das erste Mal, dass sie handelte und zugab, dass er Alkoholiker ist und sich fast ins Komma gesoffen hatte.

Ich mag nicht mehr helfen. Mir ist langsam alles egal. Denn wir sollten nur im Notfall helfen, sonst geht uns alles nichts an. Machen wir was, machen wir es zu 100% falsch und werden am Schluss beschimpft. Selbst wenn wir über mehrere Wochen fast täglich vorbeigehen, ihr Riesenchaos aufräumen, alles in Umzugskarton stecken, mit vollen Autos in den Werkhof fahren, allen Gerümpel entsorgen, mein Mann am Umzugstag noch frei nimmt und hilft. Mein Vater konnte am Schluss des Umzuges nicht danke sagen, sondern nur schert euch zum Teufel.(Meine Eltern hatten den ganzen Umzugstag nur gestritten, es war extrem heiss und eigentlich wollten wir in die Sommerferien. Da erlaubten wir uns ihnen zu sagen, sie sollen sofort aufhören zu keifen, sonst seien wir weg. Es ging uns so auf den Keks und wir waren einfach sonst schon KO. Die Umzugsleute verdrehten nur noch die Augen.) Das ist mir eigentlich noch total schnurz, da ich schon längstens mit ihnen abgeschlossen habe. Aber mein Bruder kann nicht loslassen, auch wenn er von meinen Vater als Kuckuckskind betitelt wird, was totaler Quatsch ist. Meine beiden Söhne bekommen leider fast alles mit. Sie sind Teenager und haben feine Ohren. Vorher habe ich das Telefon rausgezogen und mein Mobile vergraben. Ich wollte nicht mehr wissen, wie es meinem Vater geht und was jetzt mit meiner Mutter passiert. Ich kann nicht mehr. Ausserdem und das klingt jetzt total brutal und egoistisch, muss ich dieses Chaos von meinen Kindern fernhalten. Mein jüngster Sohn hat am Montag seine Aufnahmeprüfung für die Kantonsschule. Er hat ein halbes Jahr geschufftet, diszipliniert jede Woche geübt. Jetzt ist es nur noch wichtig, dass sein Umfeld entspannt ist und er ohne Sorgen ins Rennen kann. Und ich lasse es nicht zu, dass dies meine Eltern, die uns nur anlügen und beschimpfen, ihm vermiesen. Er soll es wie sein grosser Bruder auch schaffen. Er würde sich so freuen und hätte es verdient.

Ab Dienstag habe ich vielleicht wieder die Nerven. Nur was sollen wir machen??? Eigentlich gehörten beide ins Schlösschen. Ist das überhaupt noch zu verantworten, wenn ein Alk-Mann und eine demente, mediabhängige Frau zusammenleben? Wir stehen auf dem Schlauch und wissen gar nicht mehr, wie wir diesen Scherbenhaufen zusammenwischen sollen. Solange sie nicht entmündet sind, können sie tun und lassen was sie wollen. Nur ist es noch zu verantworten? Sollen wir die Kesb ins Boot holen? Dort haben wir vor zwei Jahren gesagt, dass es unsere Eltern packen werden und sie sich nicht einmischen müssen…. Und wie schützen wir unsere Kinder vor diesen schwierigen Umständen? Ich habe keine Lust, dass sie in diesem heiklen Alter alles mitbekommen und wir beim Psychiater landen. In erster Linie bin ich dazu da, meine Kinder zu beschützen und danach meinen Eltern zu schauen. Nur was macht man, wenn man seine Kinder vor den Grosseltern beschützen muss? Wie entziehen wir meinem Vater die Fahrerlaubnis? Auch das haben wir schon via Krankenhaus versucht zu veranlassen. Wir könnten es uns nicht verzeihen, wenn mein Vater im betrunken Zustand ein Kind umfährt. Doch er hat die Fahrerlaubnis nach wie vor, obwohl er den Test beim Verkehrsamt ablegen musste. Wir wissen auch genau, dass all unsere Hilfe kaum wertgeschätzt wird und wir am Schluss dastehen wie die Esel. Es gibt aber auch Phasen, da tut ihnen alles leid und sie versuchen es mit Geld wieder gutzumachen. Doch das brauchen wir nicht. Das sollen sie für sich ausgeben und endlich wieder anfangen zu leben.

Es ist eine sehr aussichtslose und fast nicht zu bewältigende Situation. Wir drehen uns im Kreis und ein Input von aussenstehenden Profis wäre sicherlich hilfreich.

Mike (Berater) antwortete vor 2 Jahren

Hallo
vielen Dank für deinen Beitrag und dein Vertrauen. Ich bin ehrlich gesagt einmal mehr erstaunt und erschüttert, was Abhängigkeit mit einer Familie macht. Wie die Sucht eines bzw. beider Elternteile die ganze Familie vergiftet und „an den Rand des Wahnsinns“ bringt. Andererseits staune ich auch wieder, wie du und dein Bruder es „trotz allem“ geschafft haben euer eigenes Leben zu gestalten und nicht an der Situation zerbrochen seid.

Ich möchte deshalb gerade auf einen Punkt kommen, den ich ganz wichtig finde. Wie du ganz richtig schreibst – und mit Beispielen zeigst – gilt deine Verantwortung in erster Linie dir und deiner Familie. Insofern ist es nicht „brutal und egoistisch“ wenn du das Chaos der Sucht von deiner Familie fernhalten willst, sondern richtig und sinnvoll. In der Theorie ist das auch schnell gesagt, in der Praxis ist das natürlich – wie du ja auch merkst – ganz, ganz schwierig. Letztlich wirst du bzw. werdet ihr euch auch nie ganz lösen und abgrenzen können, denn egal was sie alles gemacht haben, euch angetan haben und was sie noch alles anstellen werden, werden sie halt auch immer eure Eltern bleiben. Du wirst also auch deine Kinder nicht völlig abschirmen können, aber du kannst ihnen erklären, was in eurer Familie abläuft und welche zerstörerische Macht die Sucht hat. Sie merken ja eh, wie dich diese Situation immer wieder belastet und darüber sprechen finde ich – gerade in ihrem Alter – sehr wichtig. So wird das nicht zu einem „grossen Familiengeheimnis“, sondern du kannst aktiv steuern, welchen Platz die Suchtthematik in deiner „Kernfamilie“ haben darf.

Ich habe mir deinen Beitrag mehrmals durchgelesen und überlegt, welche nächsten Schritte für dich bzw. deine Familie hilfreich sein könnten – so im Sinne des gewünschten Inputs von aussen. So wie du die Situation beschreibst und was ihr alles versucht, organisiert, übernommen und in die Wege geleitet habt, habe ich den Eindruck, dass hier wirklich „von aussen“ Unterstützung und auch Druck kommen muss. Ich denke es ist wirklich der Zeitpunkt gekommen, die ganze Situation in „fremde Hände“ zu geben und das wäre in diesem Fall – mit Eigen- und Fremdgefährdung, mangelnder Selbstfürsorge (Hygiene, Ernährung, Ordnung,…), mangelnder Urteilsfähigkeit (?!?), Pflegebedürftigkeit,…. – sicherlich die KESB. Auch die kann keine Wunder vollbringen, aber sie hat den Auftrag und die Kompetenz Massnahmen zu verfügen und zu koordinieren. Und der KESB ist auf jeden Fall bewusst, dass sich in zwei Jahren so viel ändern kann, dass eure Einschätzung von damals („Dort haben wir vor zwei Jahren gesagt, dass es unsere Eltern packen werden und sie sich nicht einmischen müssen…. „) heute nicht mehr stimmt. Heute ist der Zeitpunkt wo es aus meiner Sicht eben sinnvoll und angemessen ist, dass sie sich „einmischen“ und ihr die Verantwortung abgeben könnt, dürft und müsst.

Ich mache dir aber auch Mut, dir in einer Beratung (auch mit deiner ganzen Familie) Unterstützung zu holen bei der Verarbeitung dessen, was alles passiert ist. Wir wissen, dass Angehörige meist mehr leiden als der Abhängige selber und deshalb beraten wir auch Angehörige. Wie gesagt, es werden immer deine Eltern sein, aber du kannst entscheiden, welchen Einfluss und Platz sie in deinem Leben und dem deiner eigenen Familie haben dürfen.

Ich wünsche dir/ euch auf jeden Fall viel Kraft bei den nächsten Schritten.

Liebe Grüsse
Mike

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