Rauschtrinken: Ausbruch aus der Normalität?

4 September 2019

Die Faszination für Rauschzustände entspringt der menschlichen Natur. Rituale können ein Mittel sein, diese Faszination in den Griff zu bekommen.

Von Allan Guggenbühl, Gastautor

«Am nächsten Wochenende werde ich mich nicht mehr volllaufen lassen», beteuert der Junge und blickt auf den Boden. «Komatrinken ist nicht mein Ding», fügt er trocken hinzu. Ich bin froh um seinen Vorsatz, jedoch nicht sicher, ob er ihn diesmal umsetzen wird. Was mich schockiert: Der Junge ist erst 14 Jahre alt. Seine Eltern haben ihn nicht wegen dem Trinken, sondern wegen Schulproblemen zu mir geschickt.

Der Alkoholmissbrauch unter Minderjährigen geht zurück. Es macht den Anschein, dass die Verkaufsverbote und Präventionskampagnen wirken. Für viele Jugendliche ist Bier, Wein oder Schnaps zu trinken weniger attraktiv geworden. Nur eine Minderheit neigt zu unverhältnismässigem Alkoholkonsum. Eigenartig ist jedoch, dass der übermässige Alkoholkonsum bei den jungen Erwachsenen, den 18- bis 25-Jährigen, angestiegen ist.

Hat sich also nur der Zeitpunkt des übermässigen Alkoholkonsums verschoben? Kommt man im Lauf seiner Entwicklung um Rauschtrinken nicht herum?

Heutzutage sind Jugendliche darüber aufgeklärt, dass zu viel Alkohol und übermässiger Drogenkonsum der Gesundheit schadet. Die Zeiten, in denen Haschisch, LSD oder Kiffen als eigenständiger Abgrenzungsakt von den Erwachsenen konsumiert wurden, scheinen ebenfalls vorbei. Jugendliche wissen: Rauschtrinken führt zu einem mühsamen «Nachtag» und zu viel Kiffen macht lethargisch und passiv. Sie kennen die gesundheitlichen Risiken und haben die Warnungen ihrer Eltern, Lehrpersonen und von Fachpersonen abgespeichert.

Wie der Junge im Eingangsbeispiel lehnen viele Jugendliche den übermässigen Konsum rational ab. In der Therapie sind gerade missbrauchsanfällige Betroffene oftmals fähig, den gesamten Katalog an Risiken und Nebenwirkungen zu zitieren. Doch ist damit die Faszination für Exzesse und Rauschzustände aus der Seele der jungen Menschen entfernt worden? Wieso können Jugendliche und später junge Erwachsene nicht einfach ganz auf Alkohol und vor allem aufs Rauschtrinken verzichten?

Grenzüberschreitung gehört zum Menschsein

Es gibt verschiedene Gründe, Alkohol zu trinken und Drogen zu sich zu nehmen. Ein Grund ist, dass man in einen anderen Bewusstseinszustand befördert werden will. Man verlässt die Normalität und gerät in eine aufgelockerte, enthemmte Stimmung. Man hat subjektiv das Gefühl, nicht mehr auf der Bremse zu stehen und sich von Bedenken und Vorsicht befreit zu haben. Der innere Erlebnisraum weitet sich aus, Probleme entschwinden. Oft glaubt man sogar, eins zu werden mit den anderen.

Der Drang nach solchen Erfahrungen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Der zivilisierte Verhaltensmodus fordert uns viel Selbstdisziplinierung und Kontrolle ab. Wir müssen uns anstrengen, wenn wir dazugehören wollen: unsere Emotionen kontrollieren, Erwartungen entsprechen, als verlässlich gelten und unzählige Normen und soziale Regeln beachten. Nur dank dieser Anpassung kommen wir weiter. Das Problem ist: Niemand will nur ein braves und gewöhnliches Leben führen. Das Ausserordentliche lockt. Man will hie und da auch etwas Verrücktes, Abenteuerliches, Gefährliches oder Unerlaubtes machen und sich selbst undiszipliniert erleben. Wir interessieren uns für das, was nicht auf dem Programm steht – kein Medienkanal würde überleben, wenn er nur vom normalen Leben berichten würde!

Die Erkundung aller Möglichkeiten des eigenen Empfindens gehört gerade zur Jugendphase. Jugendliche wollen nicht nur die Umwelt, sondern auch sich selbst entdecken. Die körperliche Wahrnehmung, die frische Erfahrung der Sexualität und die Entwicklung der persönlichen Identität sind zentrale Themen. Zur Grenzüberschreitung gehört auch die Angstlust: wild zu biken, zu skateboarden, bis zur Besinnungslosigkeit zu gamen oder sich dem Rausch hinzugeben.

Jugendliche probieren das Angebot an Unterhaltung aus und suchen extreme Erlebnisse, seien es tragisch endende Liebesgeschichten, furchtbare Zombiefilme oder Beziehungsknatsch. Sie suchen nicht nur die Normalität, sondern auch die Euphorie, die Wut und das Fremde.

Rituale können helfen, Grenzüberschreitungen zu meistern

Die Suche und das Erleben abnormaler Zustände gehört zu jeder Kultur. Die Frage ist, wann und wie die Jugendlichen in entsprechende Rituale oder Traditionen eingeführt werden. Je früher dies geschieht, desto eher hören sie auf die Erwachsenen und lassen sich durch sie prägen.

In unserer Kultur sind solche Rituale selten geworden oder gar ausgestorben. Es ist nicht mehr üblich, Minderjährigen zur Konfirmation zum ersten Mal ein Glas Wein anzubieten. Die Erwachsenenwelt fordert, dass Minderjährige ganz auf Alkohol und Drogen verzichten. Diese Erwartung oder dieses Verbot schützt viele Jugendliche vor Exzessen und ermöglicht ihnen, sich auf ihre Entwicklung zu konzentrieren. Die Frage ist jedoch: Wie steht es mit der Faszination für das Ausserordentliche? Das Streben nach einem Entgrenzungszustand? Nicht jeder und alle finden harmlose Alternativen.

Die Tatsache, dass bei jungen Erwachsenen der Alkoholkonsum steigt, sollte zu denken geben. Aufgrund ihres im Vergleich zu Jugendlichen stabileren Freundeskreises erhöht sich das Risiko, dass dies Teil ihres Lebensstils wird. Dann bleibt es nicht nur beim Experiment. Wenn zudem die Rituale fehlen, die auch Gegenstimmen einen Platz einräumen und dem Konsum Grenzen setzen, dann droht das Ausgeliefertsein. Im eigenen sozialen Kreis fehlen die mahnenden Stimmen von Eltern und Lehrpersonen, und als junger Erwachsener darf man plötzlich alles …

Es gilt, sich zu überlegen, ob man Alkohol bei Jugendlichen nicht nur verbieten soll, sondern auch, wie die jungen Menschen Rausch erleben können, ohne die Absturzgefahr zu unterschätzen – beispielsweise in einer ritualisierten Einführung.

Der Autor

Allan Guggenbühl ist Psychologe und Pädagoge. Er leitet die Abteilung Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und das Institut für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM). Zudem doziert er an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich. Guggenbühl hat zahlreiche Bücher über Gewalt und Aggression bei Kindern und über männliche Identität veröffentlicht, u. a. «Kleine Machos in der Krise», «Anleitung zum Mobbing» und «Pubertät – echt ätzend».

Quelle: „Blaues Kreuz“ 5/2019



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